*Hans Moos, Ballwil | «Seetaler Brattig» 2025
Die Wege des einst so rüstigen Wanderers sind kürzer geworden. Die Jahre fordern ihren Tribut. Doch Josef Egli, der ehemalige Regierungsrat, Jahrgang 1932, leistet Widerstand – mit dem Rollator, wenn’s sein muss, mit geistiger Frische und einem von Jugend auf geübten Glauben an das Gute im Menschen. Vor vier Jahren zog er, zusammen mit seiner Frau Hedi, aus dem eigenen Haus mit Garten in ein neues Mehrfamilienhaus, vom einstigen Dorfrand in Hochdorfs Mitte. Seppi mag hier an der Kleinwangenstrasse seine mit Liebe gepflegten Obstbäume vermissen, Hedi die selbstgezogene Blumenpracht und den Küchengarten. Aber sie beide, seit über 60 Jahren ein eingespieltes Team, schätzen das neue Zuhause mit Liftanschluss im obersten Stock. Es erleichtert den Alltag und bietet, als willkommene Zugabe, eine gedeckte Terrasse mit Sicht auf Dorf und Landschaft.
Und siehe da: Seeblick!
Landschaft – für Josef Egli ein Schlüsselwort. Und dies im doppelten Sinn, den das Wort im Luzernischen hat: als Kontrapunkt zu Stadt und Agglomeration einerseits, als die von Natur und Mensch gestaltete Umwelt anderseits. Seine Jugendzeit im ländlichen Ermensee hat seine Liebe zum Tal geweckt. Und diese ist bis heute nicht erloschen, wie ich bei meinem Besuch an einem frühwarmen April-Tag feststellen kann. Josef Egli führt mich zunächst auf die Terrasse. Und siehe da: Seeblick! Weiter nordwestwärts, am Fuss der Erlosen, seine engere Heimat: Ermensee! Es folgen Erläuterungen zu den Dörfern, Weilern, Hügelkuppen, Tobeln und Wäldern, eine vergnügliche Kurzlektion in Geografie, Geschichte und Volkskunde. Sie erinnert mich an unsere allererste Begegnung vor mehr als fünfzig Jahren. Es war im Militärdienst, irgendwo im Schwyzerbiet, und Hptm Egli, angehender Kommandant eines Füsilierbataillons, benutzte eine Gefechtspause, um uns die Funktionsweise einer alten Moschti zu erklären, die er auf einem Gehöft entdeckt hatte.
Wir sitzen jetzt am Stubentisch bei einem Glas sortenreinem Süssmost aus Römerswil und sprechen über Seppis Jugendzeit in Ermensee, wo es damals noch zwei vom Aabach angetriebene Wasserräder und eine Turbine sowie, im ganzen Dorf verteilt, sechs Krämerläden gab. Auf dem Hof des Grossvaters mütterlicherseits lernte der Lehrersbub auch handfest zuzupacken. Er war bei der Getreideernte dabei, als noch die Garben einzeln zusammengetragen und in die Scheune gebracht wurden. Und dann war da die geliebte Arbeit im Wald, in Ermensee sozusagen eine Ehrensache, in die man schon als Kind eingeweiht wurde. Sie blieb es bis ins Alter, als der Seppi längst auswärts lebte und, wie er einmal sagte, nur noch «zum Handlanger und Studenmacher taugte».
Waldruh – Waldstreit
Da ist es gar nicht mehr so erstaunlich, dass sich der junge Jurist 1961, das Anwaltspatent in der Tasche, dem Wald seiner Jugend zuwandte. «Der Erlosenwald», so lautet der schlichte Titel seiner rechtsgeschichtlichen Doktorarbeit. Doch die Erforschung der dortigen Rechtsverhältnisse im Wandel der Jahrhunderte erwies sich als dornenreich. Das mehr als 200 Hektaren grosse Waldgebiet, an sich ein Ort grosser Ruhe, gab immer wieder Anlass zu erbittertem Streit: zwischen dem Stift Beromünster und der Gemeinde Ermensee, zwischen Ermensee und Richensee und innerhalb dieser Gemeinden. Die Quellen zeigen aber auch verschiedene Ansätze zu einem schonenden, nachhaltigen Umgang mit dem Rohstoff Holz. Zur Aufsicht über die beschränkte Nutzung wurde schon früh der Holzforster (Bannwart) eingesetzt. Ein Blättern und Schneuggen im leicht vergilbten Band lässt erahnen, wieviel mühsame und anspruchsvolle Quellenarbeit dahintersteckt. Der Doktorand bewältigte die Aufgabe offensichtlich mit Bravour, und dies neben seiner Tätigkeit am Amtsgericht Luzern-Land und am Kriminalgericht. Bereits 1963 wurde die Dissertation vom Historischen Verein der fünf Orte als Beiheft zum «Geschichtsfreund» publiziert. Der Gerichtsschreiber war jetzt auch ein Geschichtsschreiber.
Doch bei aller Hingabe an die exakte Erforschung der Vergangenheit stand für Josef Egli eine wissenschaftliche Laufbahn nicht zur Diskussion. Die politische, dem Gemeinwesen zugewandte Ader behielt die Oberhand. Seine späteren Aufgaben als Grundbuchverwalter des Amtes Hochdorf (ab 1966) und als kantonaler Grundbuchinspektor (ab 1972) kamen aber auch seinen geschichtlichen Neigungen entgegen: Wahrung des Rechts an Grund und Boden im Dienst der Öffentlichkeit. Er war oft unterwegs, bis in die hintersten Chrachen, und hatte mit Menschen aller Gattig zu tun; für Bodenhaftung war gesorgt. Und sozusagen nebenbei, aber dennoch mit klarer Ausrichtung ging es auf der politischen Stufenleiter obsi: Grossrat, Kantonalpräsident der CVP, Fraktionschef und ab 1983 Regierungsrat.
Der nie abgeschickte Brief
Rückte jetzt das Seetal in den Hintergrund? Der Politiker Josef Egli war kein «Glöckner der Heimat», welcher lokale und regionale Interessen ohne Rücksicht auf Verluste in den Mittelpunkt stellte. Der Kanton, dem er durch Wahl und Eid verpflichtet war, stand an erster Stelle. Aber sein Herz schlug weiterhin für das Tal seiner Herkunft. Dafür sprechen seine Beiträge in der «Seetaler Brattig», die dank Brattigschreiber Hans Schmid seit 1979 dem Tal ein Gefäss für Geschichten aus Vergangenheit und Gegenwart bietet. Der erste von insgesamt dreizehn Artikeln aus Josef Eglis Feder erschien in der Ausgabe 1981 und behandelte die Korporationen der Region. 1982 berichtete er «von Grenzen und Marchsteinen»: Spaziergänge in der Rechtslandschaft, wo es so viel zu entdecken gab, auch aus der Zeit, da das untere Seetal noch zu den Freien Ämtern gehörte. Ein Jahr darauf publizierte und kommentierte er einen erstaunlichen Brief des Luzerner Gemeindedepartements von 1888 «an die Gemeinderäthe des untern Seethals» – einen Brief, der nie abgeschickt wurde. Gut so, meinte dazu Brattig-Autor Egli, denn die im Brief angeregte Fusion der Gemeinden des unteren Seetals fand er damals keine glückliche Idee.
Hoch politisch war auch sein Brattig-Beitrag von 1992, eine Bilanz des amtierenden Baudirektors Josef Egli über zwölf Jahre Raumplanung und deren Auswirkungen auf das Seetal. «Der Boden ist ja nicht vermehrbar, und unsere Generation hat seit 1945 mehr Boden überbaut als alle unsere Vorfahren», gab er zu bedenken. Er liess aber auch durchblicken, wie schwierig es ist, griffige Massnahmen umzusetzen und dennoch den Ausgleich der Interessen zu schaffen: «Es ist unser aller Anliegen, der künftigen Seetaler Bevölkerung einen Lebensraum zu hinterlassen, der schön und liebenswert ist, gleichzeitig aber die Voraussetzungen bietet, eine gesunde Wirtschaft zu erhalten.» Ein paar Jahre später wird er feststellen, man hätte sich, «im Interesse des Ortsbild- und Landschaftsschutzes», zuweilen mehr Widerstand der Bevölkerung gegen überrissene Projekte gewünscht: «Unsere einst charakteristischen Dörfer gleichen immer mehr Vororten von Zürich oder anderen Städten» (in: «Ein verrücktes Jahrhundert. Das Leben im Seetal 1900–2000»).
Seetalbahn und Schloss Heidegg
Als Regierungsrat hatte Josef Egli in zwei Geschäften die Federführung, die für das Seetal von erstrangiger Bedeutung waren: die Sanierung und Modernisierung der Seetalbahn und die umfassende Renovation von Schloss Heidegg. Beides waren zeitweise Zitterpartien, erinnert er sich, doch beide kamen, auch dank seinem hartnäckigen Einsatz, zu einem erfolgreichen Abschluss. Nun avancierte Josef Egli, öise Seppi, in der medialen Berichterstattung gar zum Mister Seetal(bahn). Nach seinem Rücktritt aus der Regierung (1995) widmete Josef Egli sein Wissen und seine Tatkraft während elf Jahren der Vereinigung Pro Heidegg. Und drückte mit 70 nochmals die Schulbank, um seiner alten Leidenschaft für die Historie zu frönen: An der Universität Luzern absolvierte er ein Geschichtsstudium, das er 2007 mit einer Lizentiatsarbeit über Schloss und Herrschaft Heidegg 1775–1950 krönte.
In drei Brattig-Beiträgen der Nach-Regierungszeit schöpfte Josef Egli tief aus der Ermenseer Jugendzeit: 1997 sind es die alten Zunamen im Dorf, die s’Lehrers Seppi vergnüglich Revue passieren lässt: s’Dätzli, de Hoger Adam, de Buffi – sie und viele weitere Wortschöpfungen waren bis in die jüngste Zeit noch üblich und dienten auch dazu, die vielen Elmiger, Müller, Lang und Jung präzis zu unterscheiden. Im Beitrag «D’Drissigschtbätteri» (2002) schildert er dörfliches Brauchtum im Zusammenhang mit Tod und Begräbnis, wo der Abstand zur Gegenwart fast schmerzhaft fühlbar wird. Man stelle sich vor, eine eigens berufene Frau im Dorf wäre heute für fast alle notwendigen Schritte vom Einsargen über das Psalterbeten bis zum Geldsammeln für den «Dreissigsten» verantwortlich.
Der Wandel greift tief
Josef Eglis Liebe zu Wald und Forst kommt in seinem bisher letzten Brattig-Beitrag (2011) prächtig zum Zug: «Vom Holzen in früheren Zeiten», als noch keine Motorsäge die Stille zerriss, und Pferde, geführt von kundiger Hand, die grossen Stämme zum Lagerplatz schleiften. Damit schloss sich ein Kreis, der 50 Jahre zuvor mit der Doktorarbeit über den Erlosenwald begonnen hatte. Wir sprechen am Stubentisch nun vom Wandel der letzten Jahrzehnte, der auch das Leben im Seetal geradezu umgepflügt hat. «In den Dörfern fing er später als in der Stadt», stellt Josef Egli fest. So richtig greifbar sei er in den 1960er-Jahren geworden, mit Auto, Fernsehen und der Mechanisierung der Landwirtschaft. Diese Jahrzehnte des Wandels hat der Jurist, Politiker, Familienvater und Geschichtsfreund miterlebt, mitgestaltet, manchmal auch miterlitten. Sein Tal aber liebt er wie eh und je.
*Hans Moos (geboren 1944) war nach einem Rechtsstudium und ersten Berufsjahren in der Bundesverwaltung Redaktor beim «Vaterland» und der «Neuen Luzerner Zeitung, später persönlicher Mitarbeiter eines Regierungsrats und von 2001 bis 2012 Gemeindepräsident von Ballwil. Seit Jahren befasst er sich mit Lokalgeschichte.
