*Sepp Räber, Gelfingen | «Seetaler Brattig» 1994
Vor etwa 30 Jahren las ich zum um ersten Mal vom Pilgerweg nach Santiago de Compostela. Die Idee, diesen Weg einmal auf dem Pferd zurückzulegen, liess mich nicht mehr los. Am 25. März 1993 war es soweit. Die Vorbereitung dauerte ein halbes Jahr. Ich las einige Bücher, lernte Grundbegriffe der spanischen Sprache und legte auf Karten den günstigsten Reitweg fest. Ordonnanzmässig gesattelt und gezäumt – nur das Allernötigste im aufgeschnallten Gepäck – nahm ich Abschied von meiner Familie. Ans ferne Ziel, im äussersten Nordwesten Spaniens, auch Ende der Welt genannt, dachte ich nicht. Durch den Kopf ging mir höchstens die Frage, wo wir, mein Pferd und ich, heute abend eine Unterkunft finden würden.
Vorbei an der Jakobskapelle in Ermensee geht’s über die Erlosen ins Winontal, durchs Suhrental, immer nach Westen der Klus von Balsthal zu. So weit komme ich jedoch am ersten Tag· nicht. Schneeschauer zwingen mich immer wieder zu Pausen, zum Unterstehen unter einem Scheunendach. So erlebe ich in Wilihof schon am ersten Tag grosszügige Gastfreundschaft, ich werde an den Mittagstisch eingeladen. In Pfaffnau zwingen mich ausgiebige Schneefälle zur vorzeitigen Unterkunftssuche. Bei Familie Geiser finde ich eine Boxe für mein Pferd «Phantasie» und ein heimeliges Zimmer für mich. Hier kann ich duschen und zum Nachtessen an den Familientisch sitzen. Ein guter Anfang, wenn sich nur Petrus von einer besseren Seite zeigte.
Der Ritt setzt Phantasie zu
Schneeschauer und kurze Aufhellungen begleiten mich am zweiten Tag. Gegen fünf Uhr finde ich eine Unterkunft in der Pferdehandlung Uebelhard in Oensingen, eingangs der Klus. Beim Absatteln stelle ich zwei leichte Schwellungen am Ende der Sattellage fest. Mit Eis kühle ich die Sellen und lege über Nach Kompressen auf. Der Erfolg ist aber nicht hundertprozentig. Herr Uebelhard macht mir den Vorschlag, bis an die Grenze eines seiner Pferde zu benutzen. Dort will er sein Pferd zurückholen und mir Phantasie bringen. Unterdessen können die Drücke abschwellen.
Ich nehme das grosszügige Angebot gerne an. Über Welschenrohr, Moutier, Bassecourt, St. Ursanne erreiche ich am Abend des vierten Tages die französische Grenze. In Ocourt finde ich eine Unterkunft. Um elf Uhr nachts ist Herr Uebelhard mit meiner Phantasie zur Stelle. Wir wechseln die Pferde. Am andern Morgen überschreiten wir bei La Motte am Doubs die Grenze. Die Formalitäten beim französischen Zoll dauern gut eine Stunde, obwohl ich für mein Pferd alle Papiere vorweisen kann. Ein älterer Zöllner zelebriert zum ersten Mal die Grenzabfertigung eines Pferdes. Um sicher alles richtig zu machen, führt er etwa zehn Telefonate.
Endlich in Frankreich
Nun, auch das ist überstanden, ich bin in Frankreich. Heute sitze ich vorsichtshalber nicht auf. Abends um sechs Uhr erreichen wir Brief, eine kleine Ortschaft westlich von Saint-Hippolyte. Ein Bauerndorf, vermute ich. Der Schein trügt. Von zwölf Betrieben ist noch einer geblieben. Hier finde ich für uns beide eine Unterkunft. Wie selbstverständlich werde ich zum Abend- und Morgenessen eingeladen. Bis spät in die Nacht hinein diskutieren wir über die Landwirtschaft, insbesondere über die grossen Probleme der französischen Bauern. Der junge Bauer bewirtschaftet das Land des ganzen Dorfes. 120 Kühe und 20 Hektaren Acker werden von den Eltern, dem Sohn und der Tochter, die noch als Kindergärtnerin arbeitet, besorgt. Ihnen wird es nie langweilig.
Am nächsten Tag verlassen wir das Doubstal und setzen den Weg auf einer Hochfläche fort, die sich bis nach Besançon ausdehnt. Ich durchreite reines Landwirtschaftsgebiet und treffe ähnliche Verhältnisse, wie ich sie schilderte. Ohne Ausnahme erlebe ich freundliche Aufnahme. Die Gastfreundschaft macht an der Grenze nicht halt. Ich umreite Besançon im Süden und komme in den Forêt de Chaux, in einen Urwald der gemässigten Zone, mit vorwiegendem Eichenbestand. Der Wald hat eine Länge von ungefähr 30 Kilometern und eine Fläche von 22‘000 Hektaren. Es ist ein besonderes Erlebnis, durch einen solchen Forst zu reiten, ohne dabei einem Menschen zu begegnen.
Einstige Mächte
Durchs Burgund, dann über die Mâconnais, erreiche ich Cluny. Von dieser historischen Kleinstadt ging im 11. und 12. Jahrhundert die Reform der katholischen Kirche aus. Das bekannte Benediktinerkloster förderte durch unzählige Kirchen- und Hospizbauten das damalige Pilgerween nach Santiago. Noch heute zeugen Kathedralen und Klöster von der einstigen Macht.
Über Roanne und Thiers komme ich ins Wirtschaftszentrum von Clermont Ferrand. Hier muss ich die Gebirgskette des Puy de Dôme überqueren. Die Landschaft ist von erloschenen Vulkankegeln geprägt. Auf Höhen um die tausend Meter mache ich zum letzten Mal mit dem Winter Bekanntschaft. Für La Tour-d’Auvergne habe ich eine Adresse, wo wir logieren können. Zum Glück, es dunkelt schon, als ich ankomme. Neue Drücke machen eine weitere Zwangspause nötig. Nach drei Tagen gehe ich zu Fuss weiter. Durch wunderschöne Landschaften der Auvergne kommen wir an die Dordogne, die tiefe Täler ins Kalkplateau erodiert hat. Da dieser Fluss in unzähligen Winungen (Mäander) den Weg nach Westen· sucht, bin ich gezwungen, immer wieder auf die Hochflächen hinaufzusteigen. So ergeben sich täglich Höhendifferenzen von über tausend Metern.
Der unvorsichtige Hund
Über Mauriac erreiche ich Plaux, das auf einer solchen Hochfläche liegt und Marktzentrum des Gebietes ist. Gestern Abend musste ich Phantasie mit einem Pony auf der Weide lassen. Dabei verletzte sie sich an einem Vorderbein leicht. Die Verletzung entzündet sich. Eingangs Plaux stelle ich eine kleine Lahmheit fest. In einer Riesenscheune (Platz für 200 Kühe) finde ich eine Unterkunft. Ich muss nun Bein und Drücke behandeln. Der Bauer hilft mir mit Medikamenten aus seiner Stallapotheke. Ich spritze viermal Antibiotika und nutze die Zeit, um die neuen Eisen aufzumachen, die mir mein Hufschmied angepasst mitgegeben hat. Nach drei Tagen marschiere ich weiter. Die Drücke erlauben das Reiten noch nicht.
Ein Problem sind immer wieder die Hunde, insbesondere jene, die so unvermittelt hinter einem Haus hervorschiessen. Phantasie erschrickt jedesmal und macht Seitensprünge. Bei der Abwehr eines angreifenden Hundes trifft sie diesen mit einem Hinterhuf am Kopf. Mausetot bleibt das unglückliche Tier liegen. Der Besitzer, den ich im nahen Haus benachrichtige, meint lakonisch: «Das dumme Tier ist selber schuld», zudem habe er noch drei weitere solche Exemplare. Am Schwanz schleppt er seinen Hund zum Haus. Die drei andern kommen hinter dem Haus hervor ans Hoftor und beschnuppern ihren verunfallten Artgenossen. Der Besitzer hält ihnen einen Vortrag über korrektes Verhalten gegenüber Pferden.
Abschied von Phantasie
Durch unberührte Naturlandschaften mit lichtem Buschwerk und kleinwüchsigen Föhren, zwischen denen der gelbe Ginster blüht, erreiche ich am dreissigsten Tag St. Pierre Lafeuille, bei Cahors am Lot. Die Drücke haben sich verschlimmert, sie drohen zur offenen Wunde zu werden. In einer Remise darf ich für Phantasie einen Stand einrichten. Mit Strohballen ist auch für mich bald eine Unterkunft erstellt, von der aus ich den Sternenhimmel sehe. Nach zwei Tagen intensiver Pflege muss ich einsehen, dass an ein Weiterreiten nicht mehr zu denken ist. Die Drücke sind zur offenen Wunde geworden. Telefonisch halten wir Familienrat. Rita, meine Frau, schlägt einen Wechsel aufs Stahlross vor. Ich dachte eher an Schusters Rappen. Wir einigten uns aber, dass mir unser Sohn Thomas das Fahrrad bringt und Phantasie mit nach Hause nimmt. Er startet am Abend und erreicht mich anderntags um drei Uhr, nach einer Fahrt von über 1300 Kilometern.
Die Reise geht also auf dem Velo weiter. Die Pferdepflege entfällt nun, ich bin schneller und für Besichtigungen mobiler. Davon mache ich schon im nahen Cahors Gebrauch. Diese Provinzstadt hat eine grosse Pilgertradition. Sie liegt am Le Puy-Pilgerweg, den man von der Schweiz aus benutzt, wenn man über Genf, Lyon, St. Etienne nach Südwesten pilgert.
In Cahors besuche ich die Kathedrale und verlasse dann die Stadt in westlicher Richtung über die aus dem. 14. Jahrhundert stammende, noch heute für Lastwagen taugliche Lotbrücke. Auf steiler Strasse pedale ich auf die Hochfläche. Ani Abend erreiche ich Moissac an der Tarn. Die Kathedrale mit dem weltschönsten Kreuzgang, wie man hier stolz behauptet, beeindruckt mich sehr. Das Jakobsmuseum unterstreicht, dass man sich hier auf einem Stützpunkt des Jakobsweges befindet. Der Wirt, bei dem ich logiere, erzählt, dass hier die Hälfte der im Arbeitsalter stehenden Bewohner ohne Arbeit ist.
Auf dem Velo weniger Kontakte
Die Umstellung auf das Fahrrad ist mir leicht gefallen. An anfängliche Sitzprobleme habe ich mich bald gewöhnt, ich spüre bald nichts mehr. Als radfahrender Pilger bin ich nun einer von vielen. Ich werde kaum mehr angesprochen. Ich werde nicht mehr zum Familientisch eingeladen. Kurz gesagt, die Kontakte zur Bevölkerung muss ich nun suchen.
Condom, Aire-sur-l’Adour, Orthez und als letztes Tagesziel in Frankreich St. Jean Pied de Port sind weitere Etappenorte, bevor ich über den lbaneta-Pass die Pyrenäen überquere. Vorher schalte ich noch einen Ruhetag ein. Hier, in Saint-Jean-Pied-de-Port, einem lebendigen Markt·, Tourismus- und Pilgerstädtchen, wird Wert darauf gelegt, dass man sich im Baskenland befindet. Es ist augenfällig, dass hier ein anderer Volkstyp wohnt. Die Anstrengung und der Wille, die baskische Kultur zu erhalten, sind überall sichtbar; man ist stolz, Baske zu sein.
Gratis-Unterkünfte
Gut ausgeruht und durch baskische Spezialitäten gestärkt, starte ich zur Pyrenäenetappe. Nach zehn Kilometern Bergfahrt komme ich an die spanische Grenze, von der ich allerdings nichts merke. Eine kleine Tafel weist darauf hin, dass man sich in Spanien befindet. Nach weiteren 15 Kilometern mit zum Teil grossen Steigungen erreiche ich die Passhöhe. Eine Kapelle und ein Denkmal erinnern an den Heldentod Rolands und seiner Kameraden, die im Dienste Karls des Grossen standen. Es ist eindrücklich, wenn man bedenkt, dass die Schlacht vor über tausend Jahren geschlagen wurde und dass das Heer über tausend Kilometer zurücklegte. Im nahen Kloster von Roncesvalles findet man noch heute gratis Unterkunft und ein Nachtessen, sofern man zu Fuss, per Rad .oder zu Pferd anreist und den Pilgerpass vorweist.

Durch schmucke spanische Dörfer und eine voralpine Landschaft erreiche ich die Wirtschaftsmetropole Pamplona. Seit langem bin ich wieder einmal in einer grossen Stadt. Die überfüllten Strassen, der Lärm und die schlechte Luft vertreiben mich aber bald wieder westwärts, Richtung Logrono-Burgos. Berühmte Orte mit romanischen und gotischen Baudenkmälern folgen sich wie Perlen an einer Perlenkette. Die meisten dieser Orte verdanken ihre Entstehung dem Pilgerweg. Könige, Äbte, Bischöfe und einflussreiche Adelsfamilien errichteten an diesem Wege Prestigeobjekte, die allerdings auch dem Wohle der Pilger dienten. Vom Angebot der Gratisunterkünfte machte ich fast immer Gebrauch. Einfache Küchen, Duschen und WC stehen in verschiedenen Komfortstufen zur Verfügung. Wer sich an den verschiedenen Duftvarianten vom Fussschweiss über verschiedene Salben und Medikamente zu Käse, Wurst, Wein und Knoblauch nicht stört, ist hier gut aufgehoben. Hier kommen Leute aus verschiedensten Ländern und Kontinenten zusammen: Wer sich tagsüber zuwenig anstrengt und demzufolge nicht müde ist, hat allerdings Mühe, den Schlaf zu finden, denn geschnarcht wird fast in allen Sprachen. Oft fügen sich die Klänge zu einer richtigen Symphonie zusammen.
«St. Jakob wirkt noch heute Wunder»
Ein spanischer Pilger im Pensionsalter übernachtete dreimal in derselben Unterkunft wie ich. Obwohl er hinkte, legte er zu Fuss dieselbe Strecke zurück wie ich auf dem Rad. Das sind immer zwischen 90 und 110 Kilometer. Ich spreche ihn darauf an. «St. Jakob wirkt noch heute Wunder», ist seine kurze Antwort.
Santo Domingo wird das Compostela der La Rioja genannt. In der gotischen Kathedrale befindet sich ein Hühnerstall, in dem seit Jahrzehnten Hühner gackern. Ob der Stall dem schweizerischen Tierschutzgesetz entspricht, bezweifle ich. Ob die Hühner Eier legen, konnte ich nicht feststellen, denn der Stall liegt etwa sieben Meter über dem Stall. Hühner findet man sonst kaum in einer Kirche und wenn schon, sicher keinen Stall. Die Legende berichtet:
Zwei Jakobspilger, Vater und Sohn, werden von einem Gastwirt zum Übernachten eingeladen. Während die Pilger im gemeinsamen Bett schlafen, verbirgt der Wirt einen Pokal in ihrer Tasche, um sie als Diebe anzeigen zu können. Die Pilger, die wieder weiter auf Wanderschaft sind, werden durch den Wirt gestellt, der dem Vater den Pokal aus der Tasche zieht. Der Wirt geht mit den beiden Pilgern vor den Richter. Der Sohn, der sich für den Vater opfert, wird an den Galgen gehängt. Der bekümmerte Vater zieht weiter und betet in Santiago vor dem Gnadenbild des Apostels. Auf der Heimreise kommt er wieder am Galgen vorbei und findet seinen Sohn lebend daran hängen. In der Küche berichtet der Vater dem Wirt, dass der Sohn lebe. Der Wirt beteuert seine Unschuld und sagt, eher würden die Güggeli, die er brate, davonfliegen, als dass er schuldig sei. Aber siehe, die Güggeli bekommen Federn und fliegen davon. Der Wirt ist überführtund wird zum Galgen abgeführt.
Sehenswerte Städte
Über einen Höhenzug komme ich nun auf die Nordmeseta oder nach Altkastilien, wo die eigentlichen Spanier mit ihrer Sprache leben. Diese Kastilier haben im Verlaufe der Zeit ihre Macht über die übrigen Gebiete lberiens ausgedehnt. Nur Portugal konnte sich dieser Entwicklung entziehen. Daher kommen die Unabhängigkeitsbewegungen der Basken, der Katalanen, aber auch der Galizier und Asturen. Die beiden Letzteren gebärden sich eher brav, weil in diese armen Regionen viel Geld aus Madrid fliesst. Bei den anderen Regionen ist der Geldstrom umgekehrt, weil sie relativ reich sind. Hier in Kastilien fühlt man sich eigentlich erst richtig in Spanien. Im Sommer klettert das Thermometer oft auf über 40 Grad, im Winter sind Fröste keine Seltenheit. Die mittlere Meereshöhe beträgt ungefähr 700 Meter.
Auch hier müsste man in allen grösseren Ortschaften lange verweilen, um alles Sehenswerte anzuschauen. Die beiden grossen Städte Burgos (160’000 Einwohner) und Leon (130’000 Einwohner) sind wichtige Zentren der Wirtschaft, des Verkehrs, der Hochschulen und der Kunst. Wurde Burgos im 9. Jahrhundert gegründet, geht Leons Ursprung in die Römerzeit zurück. Die gotischen Dome der beiden Städte gehören zu den schönsten Europas. Am Dom von Burgos wirkte Hans von Köln mit, der seine Fähigkeiten auch am Kölner Dom unter Beweis stellte. Viele Ideen der Kultur und der Baukunst gelangten auf dem Pilgerweg nach Mittel- und Westeuropa.
Der gefürchtete Cebreiropass
Astorga mit einer grossen Kathedrale, einem architektonisch umstrittenen Bischofssitz von Gaudi und römischen Ausgrabungen ist die letzte grössere Stadt am kastilischen Pilgerweg. Nennt man die beiden Kastilien das gelbe Spanien, insbesondere wegen des Getreidebaus und der Trockenheit, gelangt man nun von Astorga aus über den Manzanalpass ins grüne, vom Atlantik beeinflusste Spanien. Die Menschen in diesem Gebiet sind ruhiger und bedächtiger. Die Berghänge sind weit hinauf bewaldet und Viehwirtschaft gehört zu den Haupteinnahmequellen der Landwirtschaft. Über Ponferrada komme ich nach Villafranca, der letzten grösseren Ortschaft mit Unterkunftsmöglichkeiten, bevor es über den gefürchteten Cebreiropass nach Galizien geht. In Villafranca konnte, wer für die Überquerung des Passes zu schwach war, den vollkommenen Ablass gewinnen. Im Pilgerfriedhof liegen Pilger begraben, die die Strapazen des Weges nicht überlebten.
Am nächsten Tag geht es über den Pass. Immer wieder wird der Blick frei auf herrlichste Landschaften, mit eben dem satten Grün des grünen Spanien. Nach vierstündiger Bergfahrt erreiche ich Cebreiro auf der Passhöhe. Das Mittagessen im Hospiz schmeckt ausgezeichnet. Mit wenigen Ausnahmen abwärts, jedoch durch viele Baustellen, erreiche ich am Abend Sarria. Für diesen Ort hätte ich Adressen. Diese gingen aber mit der Reiterjacke und dem Pferd nach Hause.
Überwältigendes Gefühl am Ziel
Ab Sarria haben Gewitter, dem Pilgerweg arg zugesetzt und ihn teilweise in Bäche verwandelt. Über Strecken von zwei- bis dreihundert Metern muss ich mein Velo mit Gepäck tragen. In kleinen, zum Teil verlassenen Bauerndörfern treffe ich ältere Leute, die mit ihrer Kuh am Halfter den ganzen Nachmittag auf der Weide stehen. Diese Kühe leisten ihre Arbeit auch noch als Zugtiere. Zeit spielt hier keine Rolle, ich fühle mich fünfzig Jahre zurückversetzt. Nur mit der fast hundertprozentigen Selbstversorgung kann man hier überleben. Die Söhne und Töchter arbeiten irgendwo im Ausland. Viele investieren ihr Geld in ein Haus oder in ein kleines Geschäft, in ein Restaurant. Nicht fertig gebaute Häuser gehören meistens Leuten, die durch die Rezession in den Industriestaaten ihren Arbeitsplatz verloren haben.
Am fünfzigsten Tage, am 14. Mai, erreiche ich nachmittags um vier Uhr überglücklich Santiago. Mich überkommt ein überwältigendes Gefühl, nach solchen Anstrengungen und Entbehrungen am Ziel zu sein. Das geht allen ankommenden Pilgern so. Singend und musizierend ziehen sie durch die engen Gassen zum Dom. Auch dort nur strahlende Gesichter! Die heilige Messe, die ich am Samstagabend miterlebe, bietet ebenso Unterhaltung, wie sie tiefer Frömmigkeit Platz macht. Wenn dann das grösste Weihrauchfass der Welt – anderthalb Meter hoch – rauchend durch das Querschiff schwebt, von sechs Priestern an einem Tau über eine Rolle an der Decke, in Schwingungen versetzt, applaudieren die sicher über zweitausend Gläubigen minutenlang. Die Fröhlichkeit wird erneut in die Gassen und Bars getragen. Strassenmusikanten tragen das ihre zur Stimmung bei. Aber trotz dieser enormen Ausstrahlung bleibt für mich der Weg der «wahre Jakob».
Sepp Räber-Sticher (1935–2026) wuchs in Gelfingen auf dem Bauerngut Räber-Dubach unterhalb von Schloss Heidegg auf. Von Beruf war er Sport- und Mittelschullehrer an der Kanti Beromünster, dazu ein grosser Pferdefreund und -sportler, bekannt geworden als Military-Schweizermeister 1981 und mit seinem hier beschriebenen Pilgerritt 1993 nach Santiago de Compostela.
