*Josef Strebel, Düdingen | «Seetaler Brattig» 2024
Am 15. September 1942 war in den Luzerner Tageszeitungen zu lesen, dass das Divisionsgericht 8 den Gefreiten Huldreich Germann von Gelfingen (Kt. Luzern) zu einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe verurteilt hatte. Ihm wurde vorgeworfen, dem deutschen Nachrichtendienst geheime militärische Informationen übermittelt zu haben.
Von Militärspion angeworben
Germann wurde am 11. Mai 1911 in St. Gallen geboren, er war Bürger von Ermatingen TG 1937 heiratete er und 1939 wurde seine Tochter geboren. Vom 27. August 1939 bis zum 7. September 1940 leistete er Aktivdienst als Flab Kanonier Gefreiter an der Landesgrenze. Während dieser Zeit verlor er seine Anstellung als versierter Elektromechaniker in Zürich, wo er auch an der ETH Weiterbildungskurse besucht hatte. Weil er den Mietzins für die Wohnung seiner Familie nicht mehr bezahlen konnte, wurde diese obdachlos. Wie er seine Familie nach Beendigung des Aktivdienstes unterhalten sollte, bereitete ihm grosse Sorgen. Mit dem Kontakt zum deutschen Nachrichtendienst glaubte er, seinen Handel mit Uhren und Schmucksachen in Deutschland erleichtern zu können.
Den Kontakt zum deutschen Nachrichtendienst fand Germann in Zürich durch seine Bekanntschaft mit dem Uhren- und Bijouteriehändler Heinz Geissler, mit dem er schon vor Beginn des Krieges Kontakt gehabt hatte. Bei Geissler lernte er deutsche Agenten kennen, unter anderem den Ingenieur Fritz Stenkert aus Stuttgart, der in der Schweiz die Militärspionage zugunsten Deutschlands leitete. Von ihm liess sich Germann gegen Bezahlung anwerben.
Harte Bestrafung
Nach seiner Verhaftung belastete ihn ein anderer Bekannter, HD Helmuth Lange, der auch mit dem deutschen Nachrichtendienst in Verbindung stand. Lange verbrachte seinen Aktivdienst auf dem Baubüro des Kommandos der 6. Division in Zug. Er machte dort Abschriften von militärischen Plänen. Nach seiner Verhaftung behauptete er, Germann habe solche Pläne durch Funk weitergeben sollen. Da Lange danach Selbstmord beging, konnte Germann im Prozess dessen Aussagen nicht mehr entkräften.
Im Prozess gestand Germann, dass er mit dem deutschen Nachrichtendienst in Kontakt stand, jenem aber nur unwichtige Informationen weitergab und dass er nie irgendwelche Nachrichten funkte. Er hoffte aber, durch solche Kontakte die Visa zu erhalten, die er benötigte, um nach Deutschland reisen zu können. Dass er der Schweiz keinen Schaden zufügen wollte, mochten die Richter allerdings nicht glauben.
Germann wurde sehr hart bestraft. Die Richter wollten offenbar ein Zeichen dafür setzen, dass Landesverrat streng geahndet wurde.
Brief an den Bundespräsidenten
Huldreich Germann war im März 1942 mit seiner Familie von Zürich nach Gelfingen gezogen, um Distanz zu den Leuten des deutschen Nachrichtendienstes zu gewinnen. Hier konnte er eine günstige Wohnung mieten.
Nach seiner Verhaftung am 13. Juli 1942 machte die Heerespolizei in Gelfingen eine Hausdurchsuchung, fand dort aber keine Funkgeräte. In der Anklageschrift vom August 1942 hiess es unter anderem, Germann habe von Lange geheime Pläne von Verteidigungsanlagen im Raume der 6. Division entgegengenommen und diese dem deutschen Agenten Stenkert weitergegeben.
Am 10. Dezember 1942 wurde Germann dann wegen Verletzung von militärischen Geheimnissen vom Divisionsgericht 8 in Luzern verurteilt.
1947 wartete Germann immer noch auf die schriftliche Urteilsbegründung. Sein Anwalt hatte ihm erklärt, dass jene militärische Geheimnisse enthalte, die er nicht wissen sollte. So wusste er keinen anderen Ausweg, als sich an den damaligen Bundespräsidenten Philipp Etter zu wenden. In einem Brief vom 16. März schilderte er ihm, wie und warum er zum angeblichen Landesverräter wurde.
«Nachdem ich also für geleisteten Aktivdienst auch noch brotlos geworden war, suchte ich mir eine neue Position im Ausland, um auf diese Weise einmal für einige Zeit Ruhe zu bekommen. Bei dieser Gelegenheit kam ich ungewollt mit Agenten des deutschen Geheimdienstes in Berührung, die mir gute Positionen offerierten, ohne die wahren Hintergründe bekanntzugeben. Ich reiste in der Folge im August 1941 nach Deutschland, wo man mich zur Spionagetätigkeit gegen meine Heimat verwenden wollte. Ich nahm in Stuttgart einen Funkerkurs, weigerte mich jedoch beharrlich, gegen meine Heimat zu arbeiten. Im Sommer 1942 wiederholte ich den Funkerkurs, ohne jedoch eine Funkstation zu eröffnen, und es war auch vorgesehen, dass ich jedes Jahr eine Repetition in der Funkerei hätte mit machen müssen, da ich ja die Funkerei im Bedarfsfall bei meiner Tätigkeit in Deutschland gebraucht hätte.
Ferner hatte ich im Herbst 1941 einen gewissen HD Lange kennengelernt. Dieser hatte (bevor ich ihn kennenlernte) für den deutschen Geheimdienst auf sei-nem Baubüro in Zug gewisses Aktenmaterial entwendet. Ich habe in der Folge von diesem Lange Zettel zur Auf-bewahrung entgegengenommen, die aber keine militäri-schen Geheimnisse enthielten. Wenn auch gewisse Agenten meine Erbitterung gegen meine Heimat aus-nützten und ich mich auch zu weit einliess, so war mir dabei ein Landesverrat nicht bewusst. Es wurde mir auch im ganzen Prozess kein bestimmter Landesverrat vorgeworfen. Es ist an der Sache sicher vieles, was auch zu meinen Ungunsten spricht und das Tragische, dass sich HD Lange kurz nach seiner Verhaftung das Leben nahm, nachdem er mich belastet hatte, machte die Sache noch schwieriger».
Mehrere Fluchtversuche geplant
Nachdem Germann am 10. Dezember 1942 zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, verbrachte er seine Haftstrafe im Zuchthaus Luzern. Aus lauter Langweile und fehlender sinnvoller Beschäftigung plante er dort immer wieder Fluchtversuche. Ein solcher gelang ihm im Oktober 1945. In Frankreich wurde er wieder aufgegriffen und nach Luzern zurückgebracht. Als das Zuchthaus in Luzern 1949 geschlossen wurde, kam er in die Strafanstalt Tobel TG, weil er Bürger von Ermatingen war. Und auch wegen seines Gefängnisausbruchs in Luzern, denn in der neueröffneten Luzerner Strafanstalt im Wauwilermoos gab es zu wenig Sicherheit, Gefangene an Fluchtversuchen zu hindern. Die dortige Strafanstalt war damals ein primitives Barackenlager.
In Tobel bekam Germann die Gelegenheit zu einer ihn ansprechenden Arbeitstätigkeit. Bei Sanierungs- und Vermessungsarbeiten in der nahe gelegenen Burgruine Heitnau wurden Insassen der Strafanstalt Tobel angestellt. Als die Vermessungsarbeiten abgeschlossen waren, bat Germann um Versetzung ins Wauwilermoos. Die Leiterin der Sanierungsarbeit stellte ihm ein sehr gutes Arbeitszeugnis aus. Da die Behörden überzeugt waren, dass Germann keine Fluchtversuche mehr unternehmen würde, kam er 1953 doch noch ins Wauwilermoos. Dort wurde am heutigen Standort eine Strafanstalt errichtet, die bessere Bedingungen für den Vollzug der Haftbedingungen garantierte.
Nach verschiedenen erfolglosen Gesuchen um vorzeitige Entlassung wurde Germann schliesslich Ende 1954 vom Bundesrat begnadigt. Am 4. Januar 1955 dankte Germann dem Oberauditor der Armee in Bern für diese Begnadigung und informierte ihn auch über seine Zu-kunftspläne:
«Ich bleibe bis am 1. Februar noch in der Anstalt. Ich habe hier noch sehr dringende Arbeiten fertigzustellen, ich kann bei Vermessungsarbeiten behilflich sein, da grössere Hoch- und Tiefbauarbeiten ausgeführt werden und es liegt mir sehr daran, unsere Anstaltsleitung, die mir viel Vertrauen entgegenbrachte, nicht im Stich zu lassen. Ich muss noch die Vermessung der Domäne fertigstellen. Ich kann mir auf diese Weise Mittel für die Ausreise verdienen. Leider besitze ich keine Kleider, Wäsche und Koffer mehr, sodass ich mir erst etwas Geld verdienen muss, um ausreisen zu können. Seit vergangenem Sommer bin ich mit einer Firma in Brasilien in Verbindung. Vor Weihnachten musste ich meine Personalien für einen Arbeitsvertrag einsenden».
Germann hatte im Gefängnis Portugiesisch gelernt. Es scheint aber nicht, dass er ausgewandert ist. Seine Ehe war 1944 geschieden worden. Am 28. Dezember 1960 starb er, nur 49 Jahre alt, in Aarau.
P.S. Im Bundesarchiv Bern liegt ein dickes Dossier zur Spionagetätigkeit Germanns. n
*Josef Strebel wurde 1940 in Gelfingen geboren und wuchs in Hitzkirch auf. Dr. phil der Universität Frei-burg, ehemaliger Lehrer an der Kantonsschule Collège St-Michel in Freiburg, wohnhaft in Düdingen FR.
