*Dominik Thali, Hochdorf | «Seetaler Brattig» 2024
Als Bernhard Russi und Marie-Theres Nadig 1972 in Sapporo Abfahrtsgold holten, trugen sie Rennhosen aus Hochdorf. Die Medaillen markieren den Höhepunkt der Marke Brunex. Die Erinnerungen daran sind bis heute wach.
An der Winterolympiade 1964 in Innsbruck ging die Schweiz leer aus. «Nicht eine Medaille. Was für eine Enttäuschung für uns als Skination», erinnert sich Adolf Ogi. Monate später stieg er, damals 22-jährig, als Zentralsekretär des Schweizerischen Skiverbands ein: der Beginn einer Karriere, die Ogi 1987 bis in den Bundesrat führte.
Sein Auftrag habe gelautet, «eine neue Mannschaft vorzubereiten», blickt Ogi zurück. Sein Ziel: «Alles tun, um die Fahrer schneller zu machen.» Ogi, der wusste, wie entscheidend die Bekleidung im Kampf um Sekundenbruchteile war, fand in der Kleiderfabrik Hochdorf die Partnerin dafür. Wie, weiss er nicht mehr. Nur noch, dass es ein Schweizer Unternehmen sein musste, er «im ganzen Land analysiert» habe und dabei «auf diesen Meier» gestossen sei. Dieser Meier: Damit meint Ogi Karl Meier-Joller, den damaligen kaufmännischen Direktor der Brunex, der mit Fridolin Flammer, fürs Technische verantwortlich, die Kleiderfabrik Hochdorf gross gemacht hatte. Bei der Brunex habe es «vom ersten Moment an gefunkt», erinnert sich Ogi.
Bernhard Russi in Hochdorf zu Besuch
Brunex hatte damals schon etliche Jahre Erfahrung im Skirennsport. Arthur «Thury» Portmann (geboren 1933), der 1958 als Korrespondenz- und Exportverantwortlicher anfing und später das Marketing mitverantwortete, erinnert sich, dass schon an der Olympiade 1960 in Squaw Valley der Schweizer Slalomspezialist Dölf Mathis (1938–1921) Brunex-Rennhosen trug. Das reichte ihm für Platz 15. In Grenoble 1968 holte die Schweiz drei Medaillen und fuhr Dumeng Giovanoli (geb. 1941) im Slalom Rang 4 heraus. In Hosen aus Hochdorf. Brunex dankte darauf in einer kleinen Anzeige «allen Aktiven und Offiziellen für die schon acht Jahre dauernde, uneigennützige Mithilfe bei der Entwicklung der hautengen Brunex-Slalomhose, aus Skiflexgeweben mit Nylsuisse, die zu besseren Resultaten beigetragen» habe.

1969 wurde Ogi technischer Direktor des Skiverbands. 1970 fuhr Brunex an den Weltmeisterschaften in Val Gardena erstmals aufs Podest: Gold für den 22-jährigen Bernhard Russi aus Andermatt. Zwei Jahre später im japanischen Sapporo dann der grosse Triumph: Doppel-Olympiasieg durch Russi und Marie-Theres Nadig. Die ungestüme Flumserin war damals erst 18. Dieser Erfolg sei mit der ganzen alpinen Skinationalmannschaft gefeiert worden, erinnert sich Thury Portmann. «Wir luden sie zu einer Fabrikbesichtigung nach Hochdorf ein mit einem abschliessenden üppigen Mittagessen im ‹Hirschen›.»
Russi selbst erinnert sich an einen Besuch in Hochdorf, weiss aber nicht mehr, wann das war. Lea Bischof-Meier hingegen schon. Das jüngste der vier Meier-Kinder, heute Gemeindepräsidentin von Hochdorf, erzählt, wie eines Tages der Vater nach Hause angerufen habe, der Russi sei da, sie müsse kommen. Das Polaroid-Bild, das dabei entstand, zeigt eine strahlende 14-Jährige mit Russi und Vater. Darunter die Jahreszahl 1972 und Russis Unterschrift. Lea Bischof besass schon als Mädchen Skihosen. Und durfte aber nie Jeans tragen. Ihre Brunex-Stoffhosen waren dafür passgenau.
Direktor oft bis Mitternacht am «pröbeln»
Von den Brunex-Erfolgen auf der Skipiste bekam die Belegschaft vermutlich wenig mit. Die Entwicklung der hautengen, gepolsterten Slalom-Skihosen sei zwar schon «etwas Besonderes» gewesen, erinnert sich Franz Müller (geb. 1930), der 1957 als Schneider zur Brunex kam. Er bedauert bis heute leise, dass er bei den Anproben nie habe dabei sein können und weiss vor allem noch gut, wie er mit Direktor Flammer «oft bis Mitternacht pröbeln» musste.
Was dabei herauskam, bleibt jedoch in Erinnerung. Der mehrfache Weltcupsieger Walter Tresch (geb. 1948) sagt, von Brunex sei die erste Skihose gekommen, die man über die Schuhe getragen und die eine Öffnung für die oberste Schnalle gehabt habe. Für ihn sei es «ein Privileg» gewesen, mit solcher Bekleidung unterwegs zu sein. Marie-Theres Nadig (geb. 1954) pflichtet Tresch bei. Sie hat hingegen keine Erinnerungen an Hochdorf. Ihr habe überhaupt «nicht so Eindruck gemacht, mit was ich fuhr». In jungen Jahren sei sie froh gewesen, ihre Bekleidung nicht kaufen zu müssen. «Meine Eltern hatten nicht viel Geld.»
Brunex rüstete den Skiverband von Squaw Valley 1960 bis zur Winterolympiade 1976 in Innsbruck aus. Geld floss dabei nicht – der Verband «bezahlte» mit seinen Erfolgen auf der Piste, die Brunex für die eigene Werbung in Anspruch nehmen durfte. «Und stolz waren wir ja auch, das spornte zusätzlich an», sagt Thury Portmann. Werbeaufdrucke auf den Dresses waren damals jedoch nur sehr diskret erlaubt; das Brunex-Logo ist auf keinem Siegerbild zu sehen. Das doppelte Gold in Sapporo war indessen auch beste Unterstützung für den Export. Zu den guten Beziehungen nach den USA, Kanada, London und Österreich kamen solche nach Japan und Hongkong dazu. In der Hauszeitung vom Dezember 1973 heisst es dazu: «Die herausragenden Erfolge unserer Athleten, wie Marie-Theres Nadig, Bernhard Russi, Edmund Bruggmann usw., machten in Japan nicht nur unseren Wintersport gemeinhin, sondern ebenso unsere Wintersportartikelfabrikation (darunter BRUNEX) zu einem Begriff, der beste Voraussetzungen für einen Export mit sich bringt.»
Langfristig konnte sich das Unternehmen gegen die Konkurrenz auf dem Weltmarkt aber nicht durchsetzen. Nach dem Skiwinter 1975/76 verliert sich die Spur zum Skiverband. In Thury Portmanns Sammlung von Brunex-Erinnerungen gibt es Bilder von Messeständen an internationalen Verkaufsmessen sowie der Winterkollektion 1979. Brunex steckte damals aber schon tief in den roten Zahlen. Sechs Jahre später war das Unternehmen Geschichte.
Vom Aufstieg und Fall der «grössten Hosenfabrik unseres Landes»
Die Kleiderfabrik Hochdorf, die spätere Brunex, bestand kaum 50 Jahre, und ihr unrühmliches Ende liegt schon bald 40 Jahre zurück. Von der Brunex-Familie, als die sich Leitung wie Personal gleichermassen sahen, leben nur noch wenige Mitglieder.
Gegründet hatte das Unternehmen Emil Brunner (1882–1947). Er stammte aus Rain, wuchs in Frauenfeld als Arbeiterkind auf und arbeitete sich zum Schuhfabrikanten empor. Um sein Vermögen geprellt, strandete Brunner schliesslich in Hasle in der damaligen Tuchfabrik Entlebuch. Von hier startete er, der Unbeugsame, 1937 «zum kühnsten Wagnis seines Lebens», wie es in seinem Nachruf heisst. Er mietete von der Volksbank Hochdorf das leerstehende Fabrikgebäude der ehemaligen Schifflistickerei an der Baldeggstrasse und gründete hier eine Kleiderfabrik. Bald habe in den verlassenen Räumen «wieder werkfrohes Arbeiten» geherrscht, und «die ersten Kleider seiner Firma gingen in die Kantone hinaus wie früher seine Holzschuhe», liest man in dem Nachruf weiter. 1941 konnte Brunner die Liegenschaft erwerben.
800 Militärhosen – täglich
Der Anfang war freilich schwer: Erst vertrieb die Maul- und Klauenseuche die Laufkundschaft, dann brach der Krieg aus. Doch Brunner, «mit zäh-verbissener Energie» ausgestattet, liess sich nicht entmutigen, bewarb sich bei der Armee um die Lieferung von Militärhosen, worauf schon bald bis zu 800 Paar pro Tag fabriziert wurden. «Jetzt begann eine neue Wende in der Kleiderfabrik», schrieb der «Seetaler» über Brunner. Dessen blosse Anwesenheit habe «wie ein Kraftzentrum» gewirkt «und brachte jeweils einen neuen, frischen Zug in die Arbeit hinein».
1947, als sein Lebenswerk aufgeblüht war, starb Emil Brunner mit 65 Jahren an einem Herzversagen. Schon sieben Jahre zuvor hatte er Karl Meier (1916–2006) als Buchhalter und Bürochef ins Unternehmen geholt. Meier als späterer kaufmännischer Direktor und Fridolin Flammer (1914–2004) als technischer bildeten fortan das Gespann, das die Kleiderfabrik Hochdorf voran brachte. 1957 wurde die Marke Brunex – die Verbindung von «Brunner» und «Textilien» lanciert.
Ein soziales Unternehmen
1949 erweiterte die Brunex das Lager, 1953 wurde der neue Produktionssaal bezogen, 1954 der heute noch bestehende Neubau. 1957 schliesslich eröffnete Brunex das sogenannte, Wohlfahrtshaus, wo es eine Kantine gab, Aufenthaltsräume für die Belegschaft und einen Wohntrakt mit Einer- und Zweierzimmern. Brunex profilierte sich früh als soziales Unternehmen. Die Stichworte dazu: Stunden- statt Akkordlohn, Fürsorgefonds und Kinderhort. Der «Seetaler Bote» schrieb in seiner Beilage zum Neubau 1954 von «Herz-Kopf-Führung» und erwähnte die «guten Beziehungen» zwischen der Leitung und Angestellten, was die Produktion steigere und zum Erfolg führe. In einem Firmenprospekt um 1960 bezeichnete sich Brunex als «heute modernste und grösste Hosenfabrik unseres Landes». Die «bekanntesten Erzeugnisse» damals waren, heisst es weiter, die «eleganten (…) Herrenhosen, die sportlichen Permapli-Skihosen (für Herren und Damen), daneben auch auch Pfadihosen, Knabenhosen, Golfhosen, Damenhosen Reithosen usw.» Die Kleiderfabrik Hochdorf zählte damals etwa 180 Mitarbeitende. In den besten Zeiten dürften es mit den Zweigfabriken Cama im Misox und Martigny im Wallis um die 300 gewesen sein. Ganzseitige Farbinserate in den führenden Illustrierten und Modezeitschriften sowie Strassenplakate in der ganzen Schweiz machten Brunex-Hosen zu einem Begriff.
Vom Weltmarkt geschlagen
Brunex blieb bis weit in die siebziger Jahre erfolgreich – die Medaillen, die Schweizer Skigrössen an Weltmeisterschaften und Olympiaden mit Skihosen aus Hochdorf holten, waren beste Werbung. Die Schwierigkeiten begannen um 1979. Die Textilindustrie in der Schweiz konnte mit der aufkommenden ausländischen Konkurrenz nicht mithalten; reihum gingen Betriebe ein. Brunex hielt lange mit modernen Kollektionen dagegen, musste sich aber am Ende dem Markt beugen. 1983 – Karl Meier und Fridolin Flammer waren bereits in Pension – übernahm Mehrheitsaktionär und Verwaltungsratspräsident Hans Gallmann die Unternehmensführung, und die Luzerner Kantonalbank beteiligte sich an einer Sanierung. Die Hoffnung währte aber nicht lange. Anfang 1985 später zog sich die Bank zurück, Brunex musste schliessen. Rund 60 Arbeitsplätze gingen am Ende verloren.
*Dominik Thali, genoren 1963, hat seine Wurzeln in Gelfingen, wuchs in Einsiedeln auf und lebt seit 1989 in Hochdorf. Er war u.a. Redaktor des «Seetaler Boten» und ist seit 2006 Kommunikationsverantwortlicher der Katholischen Kirche im Kanton Luzern.
