Die Pianistin Louise Mattmann, gezeichnet von Illustrator Ludwig Suter für die «Seetaler Brattig» 2019.

*Hans Moos, Ballwil | «Seetaler Brattig» 2019

«Neben mir wuchs Xaver Mattmann, des ‹Lochjakobs›, in Ballwil heran, der mit mehr musikalischem Talent begabt war als ich.» So entwaffnend selbstkritisch bekennt sich der Ballwiler Chronist des 19. Jahrhunderts, Heinrich Ineichen, in seinen autobiografischen Aufzeichnungen zu den eigenen Limiten. Konkret ging es damals um das Amt eines Organisten an der hiesigen Pfarrkirche, um das er sich, kaum 16-jährig, beworben hatte. Sein Rivale Mattmann wurde ihm vorgezogen und in der Folge auch zum Schullehrer bestellt. Noch mehr als Ineichens kritische Selbsteinschätzung überrascht aber eine ergänzende Bemerkung: «Die ganze Familie Mattmann ist musikalisch, und eine Louise Mattmann hat anfangs der dreissiger Jahre sich in Paris und auf ihren Kunstreisen als Virtuosin auf dem Klavier ausgezeichnet.» Eine Pianistin von internationalem Ruf also, die aus unserem kleinen Ballwil stammt? Die Frage liess mich nicht mehr los. Nach Jahren hat sich der Nebel etwas gelichtet, Louise Mattmann ist in Umrissen als aussergewöhnliche Persönlichkeit erkennbar geworden. Dies nicht zuletzt dank der Mithilfe von Fachleuten und den Möglichkeiten des Internets.

Eine erste Bestätigung lieferte Kasimir Pfyffer in seinem Luzerner Kantonsporträt von 1858, worin er unter den bedeutenden noch lebenden Luzerner Musikern auch «Louise Mattmann von Ballwyl» erwähnt. Ja, er widmet ihr sogar einen ganzen Abschnitt. Sie habe schon als elfjährige Klavierspielerin Bewunderung erregt, aber auch in jüngster Zeit «hat man den Ruhm dieser Künstlerin in öffentlichen Blättern gelesen».

Eine Geschichte, die ans Herz geht

Bald aber stiess ich auf ein noch früheres Zeugnis. Unter dem Titel «Das Gottvertrauen der Louise Mattmann» erzählt die in Luzern beheimatete «Schweizerische Kirchen-Zeitung» 1837 die herzzerreissende Geschichte einer jungen Witwe und von deren Tochter, die nach dem Tod des Gatten und Vaters von Bordeaux nach Paris gezogen sind, in der Hoffnung, dort ein Auskommen zu finden. Dank Gottvertrauen und fleissigem Üben am Klavier gelingt es dem Mädchen, seiner kranken Mutter neuen Lebensmut zu schenken und mit seiner Kunst vornehmste Kreise in Paris zu beeindrucken. Namentlich vermochte es die Gunst und Förderung der Herzogin von Orléans zu gewinnen. Und dies im zarten Alter von knapp zehn Jahren. «Alles vereinigte sich an ihr, um einen günstigen Eindruck zu machen», heisst es im Bericht der Kirchen-Zeitung, der sich auf das französische Blatt Le Lithographe beruft: «Ihr Blick ist sanft und geistreich, und äussert am Klavier einen unbeschreiblichen Ausdruck. Sie erräth die Musikstücke vielmehr, als dass sie dieselben liest. Ihre Fassungskraft ist hierin so wunderbar, dass sie die schwersten Stücke auf den ersten Blick entziffert…»

Ballwiler Wurzeln bestätigt

Kein Zweifel, wir haben es hier mit einem jungen Ausnahmetalent zu tun, mit einem Wunderkind eben. Dass es sich dabei um die gesuchte Louise Mattmann mit Ballwiler Wurzeln handelt, geht aus einer Fussnote zum Artikel in der Kirchen-Zeitung hervor, die da lautet: «Der Vater dieser jungen Künstlerin, welcher vor circa 2 Jahren im Stadtspital zu Luzern gestorben, war von Ballwyl, im Kanton Luzern, gebürtig, so dass dieses fromme Mädchen unsere Mitbürgerin ist, welches unsern Antheil an ihrem Schicksal noch erhöht.»

Diese spärlichen Angaben zur Familie werden durch Einträge in den offiziellen Registern von Bordeaux, Luzern und Ballwil verbürgt und erweitert. Im Zivilstandsregister der Stadt Bordeaux ist am 20. September 1826 die Geburt von Louise Amélie Mattmann verzeichnet, Tochter des Jean Georges Mattmann, Handelsmann, und der Louise Jeanne Françoise Philiberte Bianquis de Coponet. Im Sterbebuch der Stadt Luzern ist am 27. Oktober 1835 Johann Georg Mattmann von Ballwil, Handelsmann, eingetragen, gestorben im Alter vor 34 Jahren, verheiratet mit Louise Bianchi aus Savoyen (der vorgenannten Louise Bianquis also), Sohn des Adam Joseph Mattmann und der Elisabeth geborene Buchmann. Im Taufbuch der Pfarrei Ballwil erscheint unter dem 18. November 1801 Johann Georg Mattmann als Sohn des oben erwähnten Ehepaars Mattmann-Buchmann.

«Eines der grossartigsten Talente»

Nun aber zurück zu Louise Mattmann, die sich offenbar rasch zur reifen Künstlerin entwickelte. Über ihren musikalischen Werdegang informiert ein Eintrag von 2009 im Lexikon «Europäische Instrumentalistinnen des 18. und 19. Jahrhunderts» des deutschen Sophie-Drinker-Instituts recht ausführlich und fundiert: Dank der Herzogin von Orléans kann sich Louise bei Friedrich Kalkbrenner, damals ein grosser Name unter den Pianisten, ausbilden lassen. Ihre Auftritte in Paris wie auch im Ausland finden in der Presse ein durchwegs begeistertes Echo. Sie erwirbt sich schon früh den Ruf einer hervorragenden Beethoven-Interpretin. Regelmässig geht sie auf Konzertreisen. Mit 19 Jahren macht sie in Paris Furore mit einer Erstaufführung von Beethovens viertem Klavierkonzert. Da das Werk in Frankreich noch nicht im Druck erhältlich ist, hat sie es selber handschriftlich notiert. Über einen Auftritt im Jahre 1848 schreibt die «Allgemeine musikalische Zeitung» unter anderem: «Die junge Klavierspielerin haben wir längst als eines der grossartigsten Talente, die das musikalische Paris aufzuweisen hat, bezeichnet. Sie spielte diesmal wieder alle, selbst die schwierigsten Quartettkompositionen auswendig, und ich erinnere mich nicht, die Cis moll-Sonate von Beethoven (…) tiefer und ausdrucksvoller gehört zu haben, als von ihr.»

1856 unternimmt Louise Mattmann, die nun 30 Jahre alt ist und auf der Höhe ihres Ruhms steht, Konzertreisen nach London und Baden-Baden. Einer der damals prominentesten Musikkritiker Frankreichs, Aristide Farrenc, zollt ihr im gleichen Jahr in La France musicale höchstes Lob: «Ihre Technik ist von einer vollendeten Genauigkeit, der Klang, den sie dem Instrument entlockt, ist markig und voller Lebenskraft, und ihr Spiel schliesslich ist äusserst nuanciert. Alles in allem macht diese ausserordentliche Virtuosin stets grossen Eindruck auf das Publikum, das ihr immer wieder mit neuem Vergnügen applaudiert.»

Auf Besuch bei Onkel Arnold

1846 besucht Louise Mattmann ihre Verwandten väterlicherseits. Gabriel-Eloy Doazan zitiert in seinem Nachruf aus einem Brief, den ihm Louise aus Luzern schrieb: «Ich habe Ihnen gesagt, dass ich Onkel habe, die in der Nähe von Luzern wohnen (…) Arnold, der älteste, hat sieben Kinder zwischen vierzehn und sechs Jahren. Sie glauben nicht, wie traurig mich diese Familie gestimmt hat. Der arme Mann macht, was er kann, um seine Kinder anständig aufzuziehen, und das gelingt ihm nur, indem er über seine Kräfte arbeitet. (…) Er spielt Orgel. Es ist wirklich aussergewöhnlich, dass ein Mensch, der nie in Musik unterrichtet worden ist und nie sein Dorf verlassen hat, imstande ist, so gut Orgel zu spielen und darauf hübsche Dinge zu improvisieren. (…) Alle seine Kinder sind Musikanten. Er hat daheim ein kleines Instrument, das bestimmt schon gute hundert Jahre auf dem Buckel hat, und darauf begleitet er seine Familie, die im Chor singt. Ich konnte nicht anders als weinen, als ich diesen armen Mann an diesem schlechten Spinett sitzen sah, um ihn geschart seine Kinder, die einen sehr schwierigen Chor sangen, so richtig, präzis im Takt und mit so viel Geschmack, wie man es kaum glauben kann; und dies in einem armseligen Bauernhäuschen, wo Not und Krankheit offensichtlich schon lange heimisch sind…»
Dieser Onkel Arnold wie auch die anderen nahen Verwandten väterlicherseits von Louise lebten zur Zeit ihres Besuchs nicht mehr in der Gemeinde Ballwil, sondern in Ferren und Kleinwangen. Ihr Vater Johann Georg war noch in Ballwil geboren worden, wo die Mattmann lange Zeit namentlich in den Weilern Gibelflüh, Wald und Wissenwegen ansässig waren.

Herkunft, Familie und Privatleben der Künstlerin lässt das Lexikon des Sophie-Drinker-Instituts allerdings weitgehend im Dunkeln. Zum Glück ist aber seit einigen Jahren eine weitere Quelle zugänglich, ein ergreifender Nachruf, der die Persönlichkeit von Louise Mattmann in vielen Facetten würdigt. 1862, ein Jahr nach ihrem Tod, wird er als Broschüre von 23 Seiten in kleiner Auflage gedruckt. Er ist in Briefform geschrieben und an den Flötisten und Komponisten Eugène Walckiers gerichtet, der zum Andenken an die früh vollendete Pianistin ein ihr posthum gewidmetes Klavierquintett komponierte.

Eine Leidensgeschichte

Verfasser des Nachrufs ist ein Gabriel-Eloy Doazan. Er kannte Louise offenbar seit früher Jugend, als sie als Halbwaise mit ihrer Mutter nach Paris kam. Ganz unvermittelt und geradezu enthusiastisch beschreibt er zunächst «la contrée qui entoure Lucerne», die unvergleichlich schöne Gegend von Luzern. Aus diesem «glücklichen Land», wo jedermann als Musiker geboren werde, stammte Louises früh verstorbener Vater, aus dieser Quelle habe Louise das Musikerblut geschöpft. Laut Doazan litt Louise aber seit ihrer Kindheit an einer zerbrechlichen Konstitution und an Schwermut. Dennoch habe sie immer wieder die Kraft gefunden, ihre Kunst mit grösster Konzentration auszuüben. Manchmal musste sie wegen ihren Beschwerden Auftritte absagen. Von einer ihrer zahlreichen Konzertreisen, oft von ihrer Mutter begleitet, schreibt sie in einem Brief: «Wir kommen in Basel an; ich sollte hier ein Konzert geben, aber ich bin so leidend und so müde, dass wir uns entschlossen haben, sofort nach Paris zurückzukehren…»

1852 heiratet Louise den Opernsäger Jacques Joseph Demarchi, der im Nachruf allerdings nicht namentlich erwähnt wird. Das Paar hat einen Sohn, um dessen Zukunft die Mutter, wegen ihrer fortschreitenden Krankheit, sich grosse Sorgen macht. Im Frühjahr 1861 tritt sie ein letztes Mal im Pariser Konservatorium auf und bezaubert die Zuhörerschaft mit einem selten gespielten Klavierkonzert von Mozart. Am 12. September stirbt Louise Mattmann. Der bewegte Lebens- und Leidensweg einer aussergewöhnlichen Frau und Künstlerin hat ein frühes Ende gefunden. Ein kleiner Freundeskreis hat ihr am Totenbett gelobt, für ihren Sohn zu sorgen.

Einen ganz anderen, aber nicht minder tragischen Verlauf nahm das Leben des eingangs erwähnten Ballwiler Organisten und Lehrers Xaver Mattmann, ein Cousin von Louise Mattmanns Vater. Er war, wie Heinrich Ineichen berichtet, «durch seine Trunksucht und seinen Leichtsinn so heruntergekommen, dass seines Bleibens nicht mehr sein konnte». 1829 wurde er aus Schul- und Orgeldienst entlassen. Er ging später in fremde Kriegsdienste und starb laut Ineichen am 21. Januar 1842 in Bologna, wie Louise im Alter von erst 35 Jahren.

Herzlich dankt der Autor der Historikerin Waltraud Hörsch und dem Ballwiler Pfarrei-Archivar Jakob Werder für ihre sehr hilfreiche Unterstützung bei der Quellenarbeit.

*Hans Moos (geboren 1944) war nach einem Rechtsstudium und ersten Berufsjahren in der Bundesverwaltung Redaktor beim «Vaterland», der «Luzerner Zeitung» und «Neuen Luzerner Zeitung», später Persönlicher Mitarbeiter eines Regierungsrats und von 2001 bis 2012 Gemeindepräsident von Ballwil, wo er mit seiner Familie seit 1985 lebt.

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