*Peter Christen, Aesch
Mit dem Ross sind die beiden Schongauer von Rüediken nach Aesch in die Schule geritten. Den Buiwald hinab. Während des Unterrichts werden die Pferde im Gasthof Kreuz eingestallt. «S’Koche Buebe » – Toni und Bert. Auf den Kopf gefallen sind sie nicht, erzählen ihre Klassenkameraden. Aber in den Köpfen waren sie mit ihren Gedanken halt immer bei der Musik.
Musik, Musik – und dann war da noch Lehrer Kretz. Sehr zum Unverständnis der beiden Buben erhob auch er Anspruch auf Aufmerksamkeit. «Manchmal ist es ihm sogar gelungen», erzählt mir Toni Koch. Prosit! Mit einem schelmischen Blick erhebt er sein Glas und prostet mir zu. Mit viel Schalk und Humor weiss Toni aus seinem Leben zu berichten. Aus (s)einem Leben, in dem die Musik auch heute noch den Takt angibt.
Jung, talentiert und voller Tatendrang
Angefangen hat alles mit einem Weihnachtsgeschenk. Vater Edwin Koch schenkt jedem seiner Söhne und seiner Tochter eine Handharmonika. Beigebracht haben sie sich das Spielen selber. «Es ging uns einfach ring von der Hand.» Nach Noten spielt Toni bis heute nicht. «Entweder man hat’s im Blut, oder eben nicht!» So richtig los geht es, als Toni ein paar Wochen krank zu Hause bleiben muss. Unermüdlich spielt er mit seiner Handharmonika. Alleine, im Duett oder zusammen als Familienkapelle. Es geht nicht lange, und Kochs spielen an der Kilbi im Restaurant St. Ulrich «Ueli» in Oberschongau zur Unterhaltung auf.
Ein aufmerksamer Gast sitzt am Ofentisch. Es ist Seppi Müller. Sepp, ein begeisterter Schlagzeuger aus Niederschongau, erkennt schnell das Talent von Kochs. Ob Interesse besteht, gemeinsam zu musizieren? «Ja», war die schnelle Antwort. Alle drei sind sofort begeistert. Nach viel Üben – Sepp in der Lehre, Toni und Bert noch in der Sekundarschule – gründen sie eine kleine Band mit Handharmonika, Gitarre und Schlagzeug.
Zuhörerin kreiert Bandnamen
Der erste Auftritt der jungen Band ist als Trio am Frühlingsanlass der Landjugendgruppe Lindenberg, am 17. Mai 1968 in der Scheune des Wirtshauses Herlisberg in Retschwil. Bert ist der Leadsänger und Toni singt die zweite Stimme. Sepp Müller gibt am Schlagzeug den Takt vor. Gekleidet in orange Hemden und schwarze Hosen, erntet das Trio mit Schlagern und Volksliedern grossen Applaus. Zur Eröffnung des Tanzanlasses spielen sie den Song «Wini, wini, wana, wana» von den Tahiti-Tamourés. Gefolgt von Erik Silvester’s Hit «Olala, sie hat rotes Haar».
Aber was ist eine Band ohne Namen? Noch am selben Abend werden Zettel an die Zuschauer verteilt. Alle können an der Namenssuche teilnehmen – es wird spannend. Aus einer Vielzahl von Vorschlägen gibt es eine Abstimmung. Die Flasche Wein gewinnt Monika Wiezel, eine Schulkollegin aus Mettmenschongau. Der Name: Müko Boys. Müller und Koch Boys.
Ab jetzt geht es richtig los. Viele Auftritte an Kilbi-, Tanz-, Privat-, Vereins- und Fastnachtsanlässen folgen. Die Müko Boys werden bekannt. Auch ohne Gage merken die drei Teenager schnell, dass mit dem Erfolg auch Annehmlichkeiten verbunden sind. So ist Toni’s Gesangsnote in der dritten Sekundarklasse innerhalb eines Semesters von einer befriedigenden vier sprunghaft auf die Maximalnote sechs gestiegen.
Apropos Gage: Der erste bezahlte Auftritt ist an einer 1.-August-Feier der Gemeinde Hitzkirch. Per Telefon engagiert sie der damalige Lehrer Bäni Koch. Über das Honorar hat sich – bis nach Spielschluss – niemand Gedanken gemacht. Der Schulmeister zückt unkompliziert seinen Geldbeutel und leert den gesamten Inhalt auf den Tisch. Scheinbar hat es ihm gefallen. Es sind präzis 52 Franken und vierzig Rappen.
Nähe zum Publikum
Die Mükos entwickeln sich weiter. Ab Kassettenrekorder werden Texte abgeschrieben und auswendig gelernt. Verstärker werden eingesetzt. Ein Gitarrist ergänzt die Band – zu Beginn Fritz Sandmeier, später Edy Giger und Walter Krebs. Vieles wird professioneller. Dadurch wird das Repertoire erweitert, welches wiederum Auftritte an grösseren Anlässen ermöglicht. Doch für den Erfolg massgebend ist aus Sicht von Toni Koch nur eines: Die Nähe zum Publikum. Immer wieder verstehen es die Müko Boys, eine Beziehung, fast einer Zuneigung gleich, zu ihren Gästen aufzubauen. «Weisch, es war nicht immer einfach. Vielmals musizierten wir ohne Unterbruch von 20.00 Uhr bis morgens um 3.00 Uhr. Das ist nicht nur körperlich, sondern auch mental sehr anstrengend.»
Die wilden Siebzigerjahre
Nicht zur Freude aller werden in den Siebzigerjahren die Haare lang und länger. Sepp Müller legt sich einen VW-Bus zu. Hellblau mit lilafarbenem «Flower-Power-Design». Legendär und unverkennbar. Mit diesem touren sie durch die ganze Schweiz. Kollege Alban Wälti, Fotograf und Künstler, entwirft einen passenden Müko Boys-Schriftzug.
In den Siebzigerjahren geht man samstagabends «z’Tanz». Viele Frauen und Männer lernen sich beim Tanzen kennen und lieben. Oft weiss man nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda, welche Musik wo aufspielen wird. The Swiss Boys, Die Schatten, Tornados, Cherries: Jede Band hat ihre eigene Fangemeinde. Fast eine Glaubensfrage ist, welcher Band man folgen wird. Viele Formationen erlangen mehr als nur regionale Bekanntheit. Die Müko Boys gehören ganz sicher dazu.
Die Müko-Boys und ihre grossen Erfolge
Eines Tages kommt vom Geschäftsführer des «Carmena» in Engelberg eine Engagement-Anfrage. Die Müko Boys sollen im Dezember während zwei Wochen im Club-Dancing musizieren. Wieder einmal war zu dieser Zeit der Bus in der Reparatur. Vater Edwin Koch ist im Vieh- und Schweinehandel tätig. Kurzentschlossen stellt Edwin seinen Tiertransporter zur Verfügung. Es lässt sich trotz intensiver Reinigung des Transporters nicht vermeiden, dass schon kurz nach Spielbeginn der Schweineduft im ganzen Dancing mehr als nur wahrnehmbar ist.
Als Bill Ramsey, bekannter deutsch-amerikanischer Jazz- und Schlagerstar, im Zürcher Hotel Dolder auftritt, spielen die Müko Boys im Vorprogramm. Und das mit grossem Erfolg. Wer spielt im Show-Programm, als Radio Beromünster ein Konzert von Rex Gildo live übertragen lässt? Natürlich die Müko Boys.
Die Zeit vergeht wie im Flug, und schon bald sind die Mükos fünf Jahre lang gemeinsam als Band unterwegs. Das wird gefeiert: Vom 11. bis 13. Mai 1973 steigt auf dem Lindenberg ein unvergessliches Fest. Die renommierte Elyx Boiga Show-Band und die Akrobaten-Gruppe Kitaporkas aus Emmen spielen und treten zu Ehren der Mükos auf. Selbstverständlich ist zwischendurch ganz viel Tanz mit den Müko Boys angesagt. Das absolute Highlight bildet der gemeinsame Show-Auftritt mit dem Trio Eugster. «Grosses, Grandioses, Grossartiges Maifest»: Mit diesem Slogan ist drei Tage lang das 2000er-Festzelt mehr als nur ausgebucht.
Viele weitere Anlässe werden unvergesslich bleiben. Dorli Gauch, Schongauerin, ist zu dieser Zeit am Heilpädagogischen Zentrum in Hohenrain tätig. Ihren grossen Wunsch, ein Auftritt für die geistig behinderten Schüler, erfüllen die Müko Boys gerne. Alle sind total begeistert. Die Zuhörer können zu Liedern wie «Monja», «Weine nicht, kleine Eva», «Aber dich gibt’s nur einmal für mich» mitsingen. Dieser Auftritt ist und bleibt für alle eine Bereicherung.
Ein ganz spezieller Wunsch der Band ist es, in einer Kirche zu musizieren, wie eine Jazzmesse. Josef Estermann, Pfarrer in Schongau, lässt sich begeistern. Mit Gospelsongs wie «O Happy Day», «Glory, Glory Hallelujah» oder «Amazing Grace» begleiten die Mükos den Gottesdienst. Zur Freude aller ist die Kirche bis auf den letzten Platz besetzt. Nach der Messe lädt der Pfarrer ins Pfarrhaus zu einem Glas Rotwein ein. Ein feiner Tropfen wird serviert. Leicht beschwipst, aber mit vielen guten Gefühlen, verlassen die Musiker just vor der Abendmesse das Pfarrhaus. Eine zweite Messe wird in Hohenrain gefeiert. Wieder ist die Kirche bis auf den letzten Platz besetzt.
1977, nach dem Austritt von zwei Musikkollegen, geht eine langjährige und erfolgreiche Zeit der Müko Boys zu Ende.
Als Duo unterwegs
Fortan spielen die beiden Brüder Toni und Bert Koch als Duo Müko Brothers nicht minder erfolgreich zum Tanz auf. Im ersten Jahr schon produzieren sie die erste von drei Musikkassetten. Zwei CD-Aufnahmen folgen. Unzählige Anlässe bleiben dank ihrer populären Musik unvergesslich. «So an die vierzig Jahre dürfen es schon gewesen sein», meint Toni leicht wehmütig.
Heute musiziert Toni mit seiner Heidi im Duett: Müko Toni und Heidi. Ein ideales Duo mit einem äusserst vielseitigen Repertoire. Schon 2004 haben sie ihre erste CD aufgenommen. Mit grossem Erfolg! «Aber am liebsten spielen wir vor Publikum. An Familienfeiern, an Hochzeiten oder wo auch immer – einfach da, wo es öppis zu feiern gibt.»
Vieles hat sich im Laufe der Zeit bei Toni Koch verändert. Doch das eine bleibt: Wie ein roter Faden zieht sich die unvergessliche Marke «Müko» durch sein Leben. Ob «Müller und Koch», ob «Müswanger Koch», im Duett oder als Band: Müko steht für Musik und Lebensfreude.
Im Gasthof Linde in Müswangen liegen diverse Tonträger und Erinnerungsstücke von Kochs musikalischem Schaffen auf. Seppi Müller, Schlagzeuger und langjähriges Bandmitglied der Müko Boys, verfasste ein Buch über sein Leben. Ein Buch, gespickt mit vielen unterhaltsamen Geschichten, vor allem auch aus Zeiten der Müko Boys. Spannend und eindrücklich nachzulesen.
Wie heisst es doch so schön im Refrain eines von Koch viel gesungenen Liedes? «Vieles hab ich längst vergessen, doch das allerschönste blieb…»
*Peter Christen-Mehr (geboren 1964) lebt mit seiner Frau und seinen vier Kindern in Aesch. Der Käsermeister arbeitet bei einem führenden Schweizer Milchverarbeiter. In seiner Freizeit geniesst er seine Familie – am liebsten im Wald und am schönen Hallwilersee.
