Die verkleideten Kinder mit ihrer Sammelbüchse, gezeichnet von Ludwig Suter in der Ausgabe von 2018. | © Seetaler Brattig

*Ursula Lang, Ballwil | aus der «Seetaler Brattig» 2018

 

Es muss hier vorausgeschickt werden, dass im Zeitraum dieser Geschichte (ca. 1953) die Bezeichnungen Negerli, Negerlen, Japanerli, Chinesli allgemein verwendet wurden. Damit war keine abwertende Haltung verbunden.

 

Es stürmte und schneite. Wir stapften zu dritt durch den hüfthohen Schnee, weil wir von Fleischli Heinzens Haus eine Abkürzung über Land in die Ottenhuserstrasse nehmen wollten. Unsere schönen Negerli-, Japanerli- und Chinesli-Fasnachtskleider waren nass vom Schnee, und am Saum hatten sich schwere Eisklumpen gebildet. Auf der Rosshaarperücke und dem schwarzen Haarknoten mit den Stricknadeln darin und auch auf dem gelben Kartonhut über dem Chinesenzopf sammelten sich wattigweiche Schneeflocken. Das Negerkässeli rutschte mir immer wieder aus den Fäustlingen, und auch die beiden anderen Mädchen mussten ihre Körbchen und Täschchen fest in der Hand halten.

 

Soeben waren wir wieder aus einem Bauernhaus gekommen, wo wir in der Küche eines unserer dreistrophigen Liedlein gesungen hatten: «Ich bin es arms, arms Negerli, wie’s do bi Euch e keini ged. Mi Vatter hani gar nie gseh und d’Muetter wott mi nümme meh.» Über uns hingen kreuz und quer gespannte Windeln, die hie und da noch tropften. Dieses Umfeld begegnete uns immer wieder. Meistens war die Bäuerin am Kochen, die Kinder schauten uns mit ihren Schnudernasen eher ängstlich als neugierig an, denn wir sahen ja wirklich komisch aus, vor allem, wenn die schwarze, gelbe oder weisse Schminke noch ein wenig verlaufen war.

 

Nicken für einen Fünfer

In einem anderen Bauernhaus wurden wir in die Stube geschubst, neben den Kachelofen, mit dem Befehl: «Jetz singed emol schön alles, was ihr chönnd», derweil die Bäuerin weiter mit den Töpfen und Pfannen schepperte. Dann sangen wir laut und tapfer: «…tüend wider es paar Batzeli dri und lönd es Negerli glücklich si», vor einem halbdutzend Katzen, die uns auf dem Kachelofen gelangweilt zuhörten.

Wir hatten eine genaue Liste der Route und der zu singenden Lieder. Die Melodie war meistens diejenige irgendeines Volkslieds. Wenn wir merkten, dass wirklich jemand zuhörte und somit mehr als nur ein Zwänzgi ins nickende Kässeli werfen würde, lieferten wir das ganze Repertoire. Das Negerlein nickte ja schon bei einem Fünfer, wenn auch etwas verhalten. Aber oft durfte die ganze Kinderschar mindestens ein Geldstück ins Kässeli hineinwerfen.

 

Die Geschichte der Negerkässeli und der singenden Fasnachtsfiguren begann in der Schweiz mit der Gemeinschaft der Petrus-Claver-Sodalität, die um 1915 die sogenannten Nickneger-Kassen verbreitete. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Kässeli zahlreicher; vor allem, weil das Interesse an den Missionen und am Missionieren zugenommen hatte. Die Kässeli wurden zum Beispiel auch in katholischen Ladengeschäften aufgestellt. Sie waren vor allem bei den Kindern beliebt, die ihre Mütter beim Einkaufen anbettelten, doch ein Füfi oder zwei ins Kässeli werfen zu dürfen. Mit dem erhöhten Selbstbewusstsein der emanzipierten Kolonialvölker nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die Kässeli in Verruf. Die Missionsinstitute stellten den Vertrieb schliesslich ganz ein.

 

Herr Pfarrer und Fräulein Portmann

Aber zwischen 1950 und 1960 war die Welt für die Ballwiler Kinder zur Fasnachtszeit noch in Ordnung. Die Auswahl der Kinder für das sogenannte «Negerlen» war einerseits einfach, anderseits aber doch nicht. Zunächst waren es nur Mädchen, die teilnehmen durften. Sie mussten die Erstkommunion hinter sich und sich durchs Jahr einigermassen untadelig benommen haben. Auch dass einem das Auswendiglernen leicht fiel und man sogar singen konnte, war von Vorteil und begrenzte die Auswahl. Die Eltern mussten einverstanden sein, aber entscheidend war das Urteil des Pfarrers und der Lehrerin. Selbige organisierte mit dem Segen von Hochwürden alles, bestellte die Kleidchen und Perücken beim Missionshaus Immensee (Negerli, Chinesli, Japanerli), kleidete die Mädchen ein und schminkte sie.

 

Die grossen, grauen Schachteln trafen ungefähr zwei Wochen vor der Fasnacht ein und die auserwählten drei Kinder durften die Gwändli im Lehrerzimmer anprobieren. Wer was trug, entschied ebenfalls die Lehrerin, in unserem Falle also Fräulein Portmann, und so gab es auch keine Diskussionen. Am liebsten wäre man halt immer das Negerli gewesen, weil es die schönste Perücke hatte und das Negerkässeli tragen durfte, was natürlich etwas ganz anderes war als die früheren Schuhwichsetruckli mit dem Batzenschlitz. Die anderen beiden Mädchen hatten irgendein Täschli oder Säckli bei sich, manchmal gab es eben statt einer Münze auch ein Stück Dörrbirne, ein paar Apfelschnitzli oder sogar ein Guetzli.

 

Einblick in viele Stuben

Die Strecken bestimmte ebenfalls die Lehrerin. Die Routenplanung war straff und liess kein Tämperlen zu. In jenem Jahr, als ich dabei war lag zudem hoher Schnee. Wir wussten, dass das Dorf am meisten zu tun gab, anderseits lieferte es aber auch viele Erfolgserlebnisse. Nicht zuletzt sahen wir in alle Häuser und Stuben hinein, denn die Leute mussten uns ja öffnen, sonst hätten die Nachbarn gesehen, dass sie kniprig waren. Ausserhalb des Dorfes war es wichtig, die hablichen Bauernhöfe zu besuchen, wo es hie und da einen Chneublätz oder ein Schenkeli gab, erstaunlicherweise aber oft nicht viel Bares. In den kleineren Häusern nebenaussen, in denen die Wände oft nicht getäfert waren und man manchmal zwischen den Balken in die Nachbarkammern blicken konnte, gab es wenig Geld, dafür aber viele Kinder, die uns entweder fassungslos oder aber dankbar für die Unterhaltung anstarrten.

 

Je nach Wetter durften oder mussten wir mitunter ein Gehöft oder zwei auslassen, von dem man vielleicht ahnte, dass es das Negerkässeli eh nicht zum Nicken bringen würden. Mit den Inwilern war abgemacht, dass sie den unteren Gemeindeteil übernahmen. Ottenhusen hingegen war klar pastorales, wenn auch nicht politisches Ballwiler Hoheitsgebiet.

 

Nicht nur das Wetter, auch die Hofhunde waren oft ein Problem. Meistens waren sie zwar angekettet, aber wir wussten nie so recht, wie weit die Kette im Ernstfall reichte und ob sie bei dem wütenden Gegeifer und Gekläffe ob unserer seltsamen Verkleidung nicht reissen würde. Auch wenn wir alle mit Haustieren aufgewachsen waren, hatten wir doch grossen Respekt vor diesen Hofhunden; meist Appenzeller, die es mit der Verteidigung ihres Reviers äusserst ernst nahmen.

 

25 Franken für ein Heidenkind

Jeden Abend wurde das Kässeli von der Lehrerin geleert. Am Güdisdienstag-Abend erfuhren wir, wie gut wir gewirtschaftet oder gebettelt hatten. Immer hofften wir, dass es für mindestens vier Heidenkinder reichen würde (eines kostete damals 25 Franken). So weit ich mich erinnere, hat Fräulein Portmann den Betrag jeweils grosszügig aufgerundet, falls er nicht ausreichte. Manchmal durfte man sogar Taufnamen für ein derart freigekauftes Heidenkind vorschlagen. Es gab auch hie und da ein verwackeltes Foto eines kleinen Mädchens oder Buben, das als Beweis zu uns gelangte und das wir noch fast ehrfürchtiger als die Helgeli im Laudate betrachteten.

 

Ich konnte nicht herausfinden, wann die letzte Negerli-Sammlung in meinem Dorf stattgefunden hatte. 1967 schlossen sich die Jugendzeitschriften der Kapuziner, der Benediktiner, der Weissen Väter und der Missionsgesellschaft zur gemeinsamen Zeitschrift «jumi» zusammen, und somit wurden auch die Fasnachtssammlungen gemeinsam bewirtschaftet. Für das Jahr 1970 gibt es jedoch noch eine Zusammenstellung von Sammlungen aus 385 Orten, was ungefähr einem Drittel der Pfarreien in den deutschsprachigen Gebieten der Schweiz entsprechen dürfte. Allerdings wurde im «Bote der Urschweiz» im Februar 1971 zum ersten Mal laute Kritik über das Vorgehen von Missionsinstituten geäussert. Es sei eine bedenkliche Gedankenlosigkeit, wenn wohlmeinende Eltern und Schulkräfte arg- und ahnungslose Schulkinder als Negerli, Chinesli oder Japanerli verkleideten und sie dann in diesem Aufzug singend von Haus zu Haus schickten, um Geld für die Missionen zu erbettelten. Dieser Fastnachtsbrauch sei nicht nur aus politischen Gründen empörend und gefährlich, sondern auch aufgrund missbräuchlicher Verwendung seitens der Missionsgesellschaften.

 

Micky-Maus-Filme als Lockvogel

Bezüglich Missionen gäbe es noch viel zu erzählen, zum Beispiel über die Vorträge und Missionsfilme, die jeweils am Sonntagnachmittag im Sternensaal Ballwil gezeigt wurden. Als Lockvögel dienten ein Micky-Maus-Film vorher und ein Laurel-und-Hardy-Film nachher, der sicherstellte, dass die Kinder die ganze Zeit dort blieben. Allerdings erzählten sie dann zuhause eher von den Kapriolen von Laurel und Hardy, statt von den erhebenden Geschichten über Heidenkinder in Strohhütten und vom bärtigen Pater im Busch, der einer Schar Negerkinder väterlich lächelnd aus der Bibel vorliest. Aber auch das ist eine andere Geschichte.

 

Gleichsam fliessend kam es dann zu einem Übergang des alten Brauchs zum Sternsingen am Dreikönigstag – politisch und finanziell bedenkenloser als die Sache mit den Negerli, Chinesli und Japanerli.

 

Vergangene Zeit, verblichene Bilder. Sie wecken vielleicht Erinnerungen an eigene Geschichten über Gegenstände, die uns mit der Vergangenheit verbinden. Sie sind meiner Ansicht nach genauso wichtig wie die offizielle Geschichtsschreibung.

* Ursula Lang-Tschupp (geboren 1944 in Ballwil), war selbst – von 1958 bis 1968 – ein Marienkind. Nach mehrjährigen Auslandaufenthalten kehrte sie 1972 nach Ballwil zurück, gründete eine Familie, war von 1988 bis 2000 Gemeinderätin und Sozialvorsteherin und arbeitet nun als Übersetzerin.

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