Das sagenumwobene Koppe Schüürli in Hitzkirch. Im Dezember 2006 wurde es abgerissen. | © Seetaler Brattig

* Pirmin Meier | aus der «Seetaler Brattig» 1991

«Die Welt hat sich in unserem Jahrhundert stürmisch entwickelt; wer aber mit wachen Sinnen den Alltag betrachtet, wird feststellen, dass vergangene Zeiten ihre Spuren hinterlassen haben, Spuren, die nicht ausgelöscht werden können und die, trotz allem Andersscheinen, mit der Gegenwart in Verbindung stehen.»

 

Diese Worte stammen aus dem Vermächtnis eines weisen Mannes, der nicht nur ein wissenschaftlich arbeitender Volkskundler war, sondern mit Fug und Recht als Volksphilosoph bezeichnet werden darf: Josef Zihlmann, der Seppi a de Wiggere (1914– 1990). Sein Handbuch luzernischer Volkskunde, erschienen unter dem Titel «Volkserzählungen und Bräuche» (Comenius), bezeugt eindrücklich, dass die Welt der Sagen und der mythischen Ueberliefe-rungen nicht einfach einer grauen Vorzeit angehört, sondern bei vielen Menschen des Hinterlandes und auch der anderen Talschaften weiterlebt. «Mündlich, aus der Gegend, 1969», lesen wir da, oder «mündlich von Frau E., Altishofen, 1977», wobei die entspreenden Notizen bis in die unmittelbare Gegenwart heranreichen. Sehr oft sind es einfache, «ungschtudierti» Leute, in denen wertvolle Überlieferungen der Volksweisheit weiterleben, aber auch allerlei Gesichte (Erscheinungen) und Begegnungen, von denen der Luzerner Stadtschreiber Renward Cysat (1545–1614) schon berichtet hat. Warum denn was 1580 erfahrbar war, in der heutigen Zeit nicht mehr vorkommen können?

 

Ein weiterer Innerschweizer Spezialist, nämlich der weltberühmte Arzt und Philosoph Theophrastus von Hohenheim, genannt Paracelsus (1493–1541), spricht in diesem Zusammenhang von «Wasserleuten, Bergleuten, Feuerleuten, Windleuten, Riesen, der Venusberg inbegriffen», auch allerlei «Monstra» (Ungeheuer), zu denen er die «Zundelmänner» zählt, von Cysat «Züsler» genannt. Mit anderen Worten: es geht um die Botschaft aus dem Geisterreich, um Gegebenheiten, die als Bestandteil des Sagenschatzes durchaus akzeptiert sind.

 

Unbehagen erfüllt hingegen viele Zeitgenossen, wenn sie realisieren, dass derlei Dinge zum Beispiel im Oberwallis, im Haslital, im Luzerner Hinterland und schliesslich auch im Seetal und Umgebung noch durchaus lebendig sind. Dabei stellt man einen doppelten Charakter dieses Unbehagens fest: Die einen, die noch Zugang gehabt haben zu dieser Anderswelt, wie ihre Vorfahren auch, fürchten, von ihrer Umgebung nicht für voll genommen zu werden, geben sich in der Regel entsprechend zurückhaltend und wollen nicht, dass derlei Erfahrungen an die grosse Glocke gehängt werden. Die andern fühlen sich offenbar in ihrem modernen, aufgeklärt-liberalen und positivistischen Weltbild erschüttert. Dazu kommen die Vorbehalte religiöser Natur. Die Luzerner Jesuiten haben schon 1574 und später gegen «aberglöubugische verbottne Sachen, deren dann die Welt voll war», von der Kanzel gepredigt, sichtlich mit wenig Erfolg.

 

Für Josef Zihlmann galt der Grundsatz: den Männern und Frauen aus dem Volk einfach möglichst unbefangen zuhören, es aufschreiben, wie es einem erzählt wird und nicht weiter ausschmücken. Auf diese Weise befindet man sich als Forscher direkt an einer weiterfliessenden Quelle. Dies schliesst zwar eine kritische Einstellung nicht aus, aber Voraussetzung jeder Kritik ist und bleibt Unbefangenheit. In diesem Sinn sollte es möglich sein, die Arbeit des Meisters aus Willisau fortzusetzen, bei aller Unersetzlichkeit dieser in der neueren Geistesgeschichte der Zentralschweiz einmaligen Persönlichkeit.

Volkskundliche Forschung findet weder im Labor noch auf einer Couch statt, sondern vielfach im gemütlichen Zusammensitzen und «Gschpröchlen», sehr oft und am besten ohne angemeldete Absicht. Ein Beispiel:

 

November 1989. Nach einem Elternabend der Sekundarschule Hitzkirch setzen sich ein paar Frauen und Männer zu einem gemütlichen Hock zusammen. Das Gespräch kommt mehr zufällig auf die «Seetaler Brattig», für die ich schon länger einen Beitrag zum Thema «Geister», «s Koppe Schüürli» und dergleichen vereinbart habe. Da erzählt Frau A. aus Aesch spontan eine Geschichte, die sie von ihrer Mutter und ihrer Tante überliefert bekommen hat.

 

Der Feuergeist vom Meienstoss (1933)
Die Mutter von Frau A. , Frau B., ist im Eigenthal auf dem Hof Meienstoss aufgewachsen. 50 Meter von diesem Hof entfernt steht eine Scheune mit angebautem Hühnerstall. Im Stall gab es Vieh, und auch der Hühnerstall war besetzt. Nun schaute aus dem Loch (ohne Schieber), welches zum Hühnerstall führte, ein glühender Kopf heraus. «Es war am Nachmittag, man sah ihn zweimal am selben Tag.» Der Kopf wurde von insgesamt fünf Geschwistern gesehen, die damals 15, 13, 12, 11 und 5 Jahre alt waren. Die Erscheinung löste bei den Kindern grossen Schrecken aus. Der Vater mahnte: «Wenn ihr den Kopf das nächste Mal seht, macht ein Kreuz!» Da die Kinder indes weiter Angst hatten und sich nicht mehr in den Stall getrauten, liess der Vater Messen lesen.

 

Soweit die Geschichte, die übrigens von Frau A. noch einmal bei Mutter und Tante nachgeprüft worden ist. Aus der Perspektive von Paracelsus und Cysat wird man, natürlich ohne letzte Gewissheit, auf einen Züsler oder Zundelmann tippen können, der gemäss der paracelsischen Lehre zu den Elementargeistern gehört, zu den sogenannten «monstra». Monstren sind Schreckgespenster, die etwas Negatives anzeigen, eine Krise, Spaltung oder Parteiung. Dabei ist jedoch wichtig, dass das Schlimme der Geistererscheinung nichts mit der Bosheit des Elementargeistes zu tun hat, sondern mit Störungen unter den Menschen selbst. Die Geister sind ähnlich dem Fieber: nur Anzeiger, nicht die Krankheit oder die Störung selbst. Aus diesem Grunde sollte man die Geister eigentlich nicht verteufeln.

 

Die genannte Geschichte liegt über ein halbes Jahrhundert zurück. Den Volkskundler interessiert, im Gegensatz zum Psychologen, nicht so sehr die Ursache der damaligen «Störung» als vielmehr das reine Bild, die Erscheinung des Elementargeistes, natürlich die Art und Weise, wie eine solche Geschichte erzählt wird. Kommentare werden indes immer von Vermutungen durchwebt bleiben.

 

S Koppe Schüürli (1959)
Zu dieser Geschichte hat eine mittlerweile bekannt gewordene Seetaler Geistergeschichte aus dem Jahre 1959 gewisse Parallelen, die 1982 durch Erwin Koch im «Tages-Anzeiger»-Magazin und 1990 im Sagenbuch «Die verzauberten Schweine» veröffentlicht worden ist:

Dem Ehepaar I. aus dem unteren Seetal begegnet nach Mitternacht bei «s Koppe Schüürli» (Hitzkirch) eine grosse Gestalt «mit feurig-rotem, vom Wind aufgeblähten Mantel, gebückt wie ein Krüppel, dreht sich dann, richtet sich zur vollen Grösse auf und glotzt die beiden in wenigen Metern Distanz aus riesigen blutroten, leuchtenden Augen, so gross wie Äpfel, an».

 

Die geheimisvolle Gestalt vom Koppe Schüürli, wie sie Brattig-Zeichner Paul Nussbaumer («Nussbi») für die Ausgabe 1991 zu Papier brachte. | © Seetaler Brattig

Wichtig ist auch bei dieser Geschichte das «Feurige» der Erscheinung, ferner die Tatsache, dass sie von mehr als einer Person wahrgenommen worden ist, schliesslich die unmittelbare, auch physische Auswirkung: Herr I. bemerkte nach der Heimkehr, dass sein Kopf geschwollen ist, «wie von einem Wespenschwarm zerstochen…, die Nase ist fast doppelt so gross wie normal». Frau I. schliesslich erleidet innerhalb von 24 Stunden nach der Erscheinung eine Fehlgeburt.

 

Interessant ist die heutige Meinung von Frau I. zu dem Vorkommnis. Sie möchte nicht, dass man davon viel Aufhebens mache, meint eher abwehrend: «Das war früher, vor 30 Jahren. Das ist heute vorbei. Ich bin sicher, dass man jetzt dieses Gespenst nicht mehr sehen kann.» Herr und Frau I. haben damals, wie mehr als zwanzig Jahre zuvor Familie B. im Eigental, Messen lesen lassen. Das Ehepaar I. hat seither sein Dasein in mustergültiger Weise gemeistert.

 

Gerade der religiöse Halt hat geholfen, über das aussergewöhnliche Erlebnis vollständig hinwegzukommen. Von hoher Bedeutung ist schliesslich, dass Herr und Frau I., die mit ihrem neuen Bucher-Guyer-Traktor von einem Verwandtenbesuch heimkehrten, diese Erscheinung ganz sicher nicht erwartet oder gar gesucht haben. Frau I. versichert glaubwürdig, dass sie vor dem fraglichen Erlebnis Geschichten dieser Art wenig Beachtung geschenkt habe.

 

Mittlerweile hat sich eine sozusagen Seetal-typische Interpretation des Geschehnisses eingebürgert: «Im Kopp-Schüürli habe einmal ein Geistlicher aus der Deutschordens-Kommende Hitzkirch, dem heutigen Lehrerseminar, verbotenerweise eine Frau geliebt. Nun müsse er dort bei der Scheune, die schon lange als nicht ganz geheuer gilt, wandeln.»

 

Diese Deutung liegt ganz auf der moralisierenden Linie, mit der fromme Kommentatoren Erscheinungen dieser Art oft doch eher vorschnell einordnen. Aus der Sicht der vergleichenden historischen Volkskunde fällt auf, dass das Phänomen «Geschwulst nach Geistererscheinungen» zum Beispiel bei Cysat mehrfach belegt ist, gerade im Zusammenhang mit «füwrige brünnende Geister, wandlende Nachts», also der Beschreibung eines Züslers, der 1609 dem Luzerner Stadtschreiber selber begegnet ist. Dasselbe ist einem Hans Buochmann aus Rothenburg um 1580 passiert, als er zu nächtlicher Stunde bei Sempach eine Erscheinung hatte, mit einem «seltzam Gethöss und Susen, anfangs einem gantzen Imbd oder Byenschwarm glych». In der Folge habe Buochmann «des Schmertzens und Geschwulst des Angesichts und Kopfs … empfunden».

Wenn wir nun die Erscheinungen des Ehepaars I. und der Geschwister B. in der Tradition von Paracelsus und Cysat am ehesten als Züsler deuten wollen, heisst dies, dass wir die Lehre von den Elementargeistern als mögliches Deutungsmodell gelten lassen. Gemäss Paracelsus bilden die Elementargeister ein Zwischenreich der «Geistmenschen», die jedoch – im Gegensatz zu den Engeln – näher beim Tierreich, der Natur überhaupt, anzusiedeln sind als etwa dem übernatürlichen Bereich. Sie verfügen über einen Leib, aber nicht aus «grob Fleisch», sondern aus subtiler Stofflichkeit. So können Elementargeister durch Gemäuer, Felsen, Gesteine wandeln, im Feuer leben, in der Luft, im Wasser. Eine unsterbliche Seele haben sie nicht. Mit dem Tode verschwinden sie ganz. Es bleibt gar nichts von ihnen übrig, auch kein Leichnam, geschweige ein Skelett. Um es in heutiger Sprache zu sagen: Elementargeister sind reine Erscheinungen, es wäre mit Sicherheit nicht möglich, sie mit einer Marderfalle einzufangen oder gar mit einer Fernsehkamera zu überlisten. Von unerhörter Bedeutung ist ferner der Satz aus dem Buch «Paramirum»: «Wie es aussen ist, also ist es in sich auch; und was aussen nit ist, das ist in ihm auch nicht. Und ein Ding ist das äussere wie das innere.» Dieser Satz ist Grundvoraussetzung verständnisvoller Diskussionen über das Geisterreich.

Um es mit einem Beispiel zu illustrieren: Lehrer R. hat sicher recht, wenn er sagt: «Ich bin schon viele Male nachts bei s Koppe Schüürli vorbeigeritten und habe nie etwas Aussergewöhnliches bemerkt. Das mit den Geistererscheinungen muss ganz subjektiv sein.» Eine Geistererscheinung ist mit Sicherheit nicht jedermanns Sache. Im Sinne der Lehre von den Elementargeistern müssen drei Dinge zusammenkommen: der Ort, die Verfassung der Person und das Schicksal, von Paracelsus «astrum» (Gestirn) genannt. Was 1959 für ein Ehepaar erfahrbar war, aus einer ganz bestimmten Lebenssituation heraus, wird sich nach menschlichem Ermessen kaum mehr bei den gleichen Personen wiederholen. Und Lehrer R., nüchtern, realistisch, sein Leben verläuft in beneidenswerter Harmonie, allfällige Probleme löst er im Regelfall selbst – der sollte sich wirklich nicht wundern, dass ihm nie ein Geist begegnet.

 

Dies schliesst ein Weiterleben des magischen Empfindens nicht aus. Dass zum Beispiel Frau R. K. aus Beromünster, aufgewachsen in der Wynenmühle, im Bereich der Wyna, einem gemäss der Sage von einer Nymphe besetzten Gebiet, einen Lichterreigen gesehen hat, deutet darauf hin, dass die Elementargeister keineswegs immer als schreckliche Erscheinungen begegnen müssen. In die gleiche Richtung deuten die Erdmännchen-Überlieferungen in Schongau und Eschenbach, die zeigen, auf welche Weise der Mensch im Frieden mit den Elementargeistern leben kann, bis er sie eben auf die Probe
stellt und sie für immer verschwinden.

 

Fazit
Es gibt nicht nur eine Oberflächengeografie unserer Landschaft, sondern auch eine verborgene, «esoterische», wie das Modewort besagt. Dabei spielen nicht nur allerlei Geisterhäuser eine Rolle wie zum Beispiel das Haus beim Gölpi-Wald zwischen Gelfingen und Baldegg oder die Waldlichtung Aegerten zwischen Gelfingen und Lieli, wo auch schon allerlei Spuk wahrgenommen worden ist. Ganz besonders lehrreich ist in diesem Zusammenhang die Geschichte vom Geiger in Hitzkirch, der sich von einem Zwerg (Elementargeist der Erde, Erdmännchen) beim Geissenrain (Geissbühl, Lieli) in ein unterirdisches Goldreich führen liess, ohne es voll zu realisieren. So merkte er nicht, dass die Kohlen, die ihm als Lohn für sein Spiel gewährt wurden, in Wirklichkeit Goldstücke waren. Und als er hinterher den Eingang zur Anderswelt suchen wollte, fand er ihn nicht mehr. Erzwingen lässt sich eben nichts, und Eigennutz ist der schlechteste Ratgeber. Für die Elementargeister, die eigentlich gut sind, wenn wir sie nicht fürchten, zumindest aber Ratgeber zu unserer Selbsterkenntnis, gilt nach Paracelsus: «Sie erscheinen uns, wir aber nicht ihnen!» Womit das Geheimnis weiterhin Geheimnis bleibt.

 

*Pirmin Meier (geboren 1947) stammt ais Würenlingen im Kanton Aargau. Er studierte Er studierte Germanistik, Philosophie und Geschichte, doktorierte und unterrichtete von 1979 bis 2012 er an der Kantonsschule Beromünster die Fächer Deutsch, Philosophie, Religionskunde und Ethik. Meiers bekanntesten Werke befassen sich mit Paracelsus (erschienen 1993) und Bruder Klaus (1997). Neben anderen Auszeichnungen erhielt er 2008 den Innerschweizer Kulturpreis.

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