Der «Schwarze Tod» im Seetal. Diese Zeichnung von Ludwig Suter aus dem Buch «Sagenhaftes Seetal» illustriert den Beitrag von Karl Baur über die Pest im Seetal in der Ausgabe von 2002. | © 2002 Seetaler Brattig

*Karl Baur

Wir können uns heute kaum vorstellen, wie vielen Gefahren, Nöten und Heimsuchungen der mittelalterliche Mensch ausgesetzt war. Da waren die vielen Kriege und Hungersnöte und vor allem die immer wiederkehrenden Seuchenzüge, denen unzählige Menschen zum Opfer fielen.

Wenn wir heute von Pest sprechen, denken wir aber weniger an die vielen, epidemisch auftretenden Krankheiten wie Aussatz, Typhus, Cholera, Pocken, Fleckfieber und andere, sondern vor allem an die verheerende Pandemie der Beulenpest, die wir als «Schwarzen Tod» aus den Geschichtsbüchern kennen. In den Jahren 1348 bis 1352 – innerhalb von bloss vier Jahren – hat sie gegen 30 Millionen Opfer der auf 75 bis 100 Millionen geschätzten Bevölkerung Europas dahingerafft.

Gefahr aus dem Orient: die Pest

Genuesische Kaufleute schleppten den «Schwarzen Tod» aus dem Nahen Osten ein. Die Krankheit verbreitete sich rasend schnell über die Alpen auf das ganze Abendland, Tod, Schrecken und Verzweiflung hinter sich lassend. Kleine Dörfer, etwa im Wallis und im Tessin, starben gänzlich aus. Im Kloster Disentis blieben nur zwei Mönche am Leben und auch im kleinen Dörfchen Bettwil auf den Höhen des Lindenberges – so will es die mündliche Überlieferung – überstanden 1349 nur gerade zwei Kinder das grosse Sterben. Das erklärt wohl, warum die Bettwiler Familiennamen, die in Dokumenten vor 1349 vorkommen, nachher nicht mehr zu finden sind. Genaue Aufzeichnungen über die Zahl der Pesttoten im Seetal fehlen uns. Es ist aber anzunehmen, dass unsere Dörfer arg betroffen waren. Von einem dieser Toten berichtet die Sage von der verlorenen Pestleiche.

Die Pestleiche von Hochdorf

Als der «Schwarze Tod» im Lande wütete, mussten auch die Toten von Wald, Gibelflüh und den umliegenden Höfen täglich zur Bestattung nach Hochdorf geführt werden, wohin man kirchgenössig war. Eines Tages war das Fuhrwerk so sehr beladen, dass beim äusseren Wirtlenwäldchen, wo der Hohlweg steil abwärts führt, eine Leiche vom Wagen fiel. Der Fuhrmann bemerkte das Fehlen erst, als er schon nahe bei Hochdorf war. Umkehren mochte er aber nicht und sagte sich, er werde die Leiche eben anderntags mitnehmen. Doch dazu kam er nicht mehr, da er am nächsten Tag selbst unter den Toten auf dem Wagen lag. An der Stelle, wo die Leiche gelegen hatte, wurde ein Bildstöcklein errichtet, das heute noch steht, allerdings an einem etwas anderen Platz.

Die Geschichte von der verlorenen Leiche erzählt man sich auch in andern Gegenden. So soll dem Mühlenkarrer von Bettwil, der die Pesttoten nach Sarmenstorf zu führen hatte, ein Gleiches geschehen sein.

Vom Schrecken der Beulenpest

Zwei Eigenheiten der Beulenpest müssen den Menschen vor allem erschreckt haben: Der unvermittelte Tod, der schon wenige Stunden nach den ersten Anzeichen der Erkrankung eintreten konnte, und das Unvermögen, sich gegen Ansteckung zu schützen. Niemand wusste, wie und durch wen die Krankheit übertragen wurde. Die Suche nach Schuldigen blieb nicht aus. Vor allem den Juden warf man vor, sie hätten die Brunnen vergiftet, man rächte sich grausam an ihnen. Wie brutal das getan wurde, vermittelt ein Bericht in der um 1400 entstandenen Zürcher Chronik: «Im Jahre 1349 nach Gottes Geburt, da verbrannte man die Juden in Zürich am Vorabend des Heiligen Matthias.» Das aufgebrachte Volk sperrte die Judengemeinde der Stadt in ein Haus, setzte dieses in Brand und liess niemand entkommen. Überall wurden auch andere Menschen geheimer Zauberkräfte bezichtigt, gefoltert und umgebracht, weil man ihnen die Ausbreitung der Pest zur Last legte.

Erst 1894 entdeckte der gebürtige Schweizer Arzt Emile Alexandre Yersin (1863–1943) bei einer Epidemie in Hongkong den Erreger der Beulenpest und stellte fest, dass diese – im Gegensatz zur Lungenpest – nicht von Mensch zu Mensch, sondern durch Flöhe von infizierten Ratten und andern Nagern auf den Menschen übertragen wird. Obschon 1352 die grausamste aller Pestepidemien abgeflaut war und sich in den Weiten Russlands verloren hatte, war die Gefahr keineswegs gebannt. In Abständen von 10 bis 15 Jahren tauchte die Pest da und dort, vor allem in den Städten Basel, Bern und Genf immer wieder auf. Auch im Kanton Luzern forderte sie im 15. und 16. Jahrhundert vielerorts ihre Opfer.


Der Pfarrer von Aesch berichtet

Im Jahre 1595 berichtete der Pfarrer von Aesch, Michael Keller, an den Rat zu Luzern, dass in seiner Pfarrei während sechs Jahren kein Mensch gestorben sei, im letzten Jahr jedoch habe die Pest 107 Personen dahingerafft. Die Alten habe er alle verwahrt, oft bis zu drei Menschen im selben Haus. Sein Bruder, der ihm haushalte und ihn oft begleite, habe schliesslich Angst bekommen, worauf er selbst erkrankt sei, ebenso seine Frau und Kinder, die hinwegstarben. Der Bruder aber sei wieder aufgekommen. Die Pfarrei Aesch, in der die 107 Menschen starben, umfasste damals bloss den Dorfteil seeseits der Hauptstrasse. Oberäsch und Mosen gehörten zur Pfarrei Hitzkirch.

Seuchenpolizeiliche Massnahmen

In der Eidgenossenschaft setzten nach dem Vertrag mit Mailand 1585 wirksame Abwehrmassnahmen gegen die Pest ein. Ein dichtes Meldenetz und Kontrollsystem trug wesentlich zur Eindämmung der Seuche bei. Trotzdem brach die Beulenpest noch einmal 1628/29 im Kanton Luzern aus. Sie wütete besonders in Sursee, wo 400 Pesttote zu beklagen waren. Ein letzter Seuchenzug von 1667/70, der von Amsterdam aus gegangen war, befiel nur noch die reformierten Gegenden der Nordwestschweiz, wo die Pestabwehr aus wirtschaftlichen und religiösen Gründen weniger streng genommen worden war.

Sebastian und Rochus, die Seuchenheiligen

Das Suchen nach Schuldigen flaute ab. Die Pest wurde vornehmlich als Strafe Gottes angesehen und so galten Bittgebete und die Abkehr von der Sünde als wichtigster Schutz vor der Krankheit. Wo infolge des Massensterbens Endzeitstimmung und Religiosität zunahmen, trat auch eine neue, gesteigerte Heiligenverehrung hervor. Zunächst wurde der heilige Sebastian angerufen, der schon in frühchristlicher Zeit der eigentliche Pestpatron gewesen war. Zu ihm gesellte sich zunehmend auch der heilige Rochus, dessen Verehrung sich von Frankreich her ausbreitete. Begegnen wir heute noch den beiden Pestheiligen in unseren Kirchen und Kapellen, etwa in Hitzkirch, Müswangen, Hochdorf, Inwil oder Rothenburg, so erinnern sie uns an jene Zeit, in der sie um Hilfe vor dem grossen Sterben angerufen wurden.

An manchen Gemeindegrenzen oder besonderen topografischen Punkten finden wir auch Wegkreuze, die heute noch «Pestkreuze» genannt werden. Von ihnen erhoffte man, dass sie Pest und Tod fernzuhalten vermochten. Wie die Pestkreuze, so entstanden auch verschiedene, den beiden Heiligen Sebastian und Rochus geweihte Kapellen, wie etwa in Wald bei Ballwil am Rande eines kleinen Bachtobels.

Ein Bauer der Umgebung hatte gelobt, eine Kapelle zu stiften, wenn er vor der Pest verschont bleibe und das fürchterliche Übel weiche. Das kleine Gotteshaus steht noch heute und trägt auf dem Türsturz über dem Eingang die Inschrift:

IHS MAR 1636 / HEINRICH SPANI

Die ursprüngliche Ausstattung ist allerdings verloren gegangen. Nur zwei rundbogige Bretter  aus neuerer Zeit mit den beiden Heiligen Sebastian und Rochus weisen auf die ursprüngliche Bestimmung der Kapelle hin.

Karl Baur (1928–2011) lebte in Sarmenstorf im Aargauer Seetal, wo er die vom Vater übernommene Blumenfabrik führte; erst zusammen mit seinen zwei Brüdern, die aber früh starben, danach allein. Das Unternehmen gab er später mangels Nachfolge auf. Zweimal amtierte er in Sarmenstorf als Kirchenpflegepräsident. Einen Namen machte sich Karl Baur als langjähriger Präsident der Historischen Vereinigung Seetal, die er während mehr als 35 Jahren führte, von 1972 bis 2008. Seine grosse Leidenschaft galt der Kunstgeschichte und der Geschichte.

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