Kapuzinerbesuch in der Stube des damaligen Gemeindeammanns und früheren Kirchgemeindepräsidenten Hans Thali in Gelfingen (rechts). Zum Bild in der Brattig 1982 gibt es keine Bildlegende; der Name des Kapuziners und des Mannes links sind deshalb unbekannt. | © Seetaler Brattig 1982

*Emil Achermann

Von allen katholischen Orden ist keiner im Seetal so verwurzelt wie jener der Kapuziner. Regelmässig kamen sie früher an den Vortagen der grossen kirchlichen Feste in unsere Pfarrhäuser: mit ihrem patriarchalischen, oft bis zur Brust hinabwallenden Bart, im rauhen, kastanienbraunen Habit mit langer, spitzer Kapuze, weissem Strickgürtel, mit Rosenkranz, die nackten Füsse in Sandalen; «ohne Strümpf und ohne Schuh wandern sie dem Himmel zu», heisst es in einem alten, volksliedmässigen Spruch. Wenn sie im Dorf erschienen, eilten ihnen die Kinder entgegen, reichten ihnen die Hände und waren vom Kapuziner-«Helgeli» hochbeglückt. Dann setzte sich der Pater in den Kapuziner-Beichtstuhl, den ganzen Nachmittag hindurch, oft bis tief in die Nacht hinein, und wieder vom frühen Morgen vor Sonnenaufgang bis zum Hochamt. Der Schnupftabak aus der hölzernen Dose hielt seine Aufmerksamkeit wach und machte die verschiedenen Gerüche, die durch das Sprachgitter kamen, erträglich.

Er brachte an Christi statt: Rat, Warnung, Trost, Verzeihung. Sein Beichtstuhl wurde vor allem aufgesucht: vom Dorfpolitiker, der nicht die gleichen Ansichten hatte wie der Pfarrer – das alte Lied von Papst und Kaiser im Dorf! – vom Jugendlichen, der sich vor der Autorität des Religionslehrers fürchtet, vom Sakristan, vom Messbuben, von der «Heerenköchin» (Pfarrhaushälterin), die allzu nahe beim Pfarrer stehen. Manches hat er zu heben, was oft jahrelang auf dem Herzen lastete, und Gott weiss, wie viel Vertrauen dem braunen Kuttenmann entgegengebracht wurde.

Erst der Beichtstuhl, dann die Predigt

Nach all der Arbeit im Beichtstuhl kommt im Festtagsgottesdienst die Kapuzinerpredigt: Sie ist schriftlich vorbereitet, hat einen klaren Aufbau, wurde auswendig gelernt und wird mit Sprachgewalt, mit Feuer und Überzeugungskraft vorgetragen und oft mit eindrucksvollen Hand- und Armbewegungen begleitet. Wenn der Kapuziner predigt, schläft keiner! Freilich: nicht alle machen es gleich gut. Da kam vor Jahren ein Pater ins Tal, den das Volk humorvoll «Maschinengewehr» oder «Särglipater» nannte: er trug die geistvollen Gedanken leider in schneller, monotoner Sprache vor, und er wiederholte immer die gleiche kleine Handbewegung, als ob er die Vorderseite eines Sarges umfahren wollte. Dabei war er einer der hervorragendsten Pflanzenkenner der Schweiz. Er kam oft zu Fuss von seinem Kloster, durchstreifte mit der Botanisierbüchse Wald und Flur, ging auf Steinbrüche und den Eisenbahnschienen entlang und teilte seine Entdeckungen und Erkenntnisse dem botanischen Institut der Universität Zürich mit, das den einfachen Pater ausserordentlich schätzte.

Erst der Beichtstuhl, dann die Predigt

Der Kapuziner wird aber auch zum «Benedizieren», zum Segnen von Haus und Stall, von Vieh und Mensch gerufen. So segnet er am Maitag die Dorfbrunnen der Pfarrei Hitzkirch und betet dabei: «Gott, unser Schöpfer und Erlöser: segne dieses Wasser! Erinnere uns durch dieses Zeichen, dass wir getauft sind! Hilf uns leben, wie es der Taufe entspricht, und vollende an uns,was die Taufe verheisst!» Wenn der Bauerden Pater zum Benedizieren ruft, schreibt er ihm nicht in abergläubischer Weise magische Kraft zu; er glaubt vielmehr, dass der Ordenspriester kraft seiner Gelübde und seines Gebets- und Opferlebens im Kloster von Gott erhört werde; je gottverbundener und heiligmässiger der segnende Priester sei, umso mehr würden auch seine Gebete und Segnungen nützen. Der segnende Priester macht aber auch auf natürliche Ursachen von Ungfehl im Stall aufmerksam. So stellte ein parapsychisch begabter Pater aus dem Jura mit seinem Pendel Kreuzungsstellen unterirdischer Wasseradern im Stalle fest.

Ein Schneckenessen zum Dank

Die Kapuziner besitzen entsprechend dem Armutsideal des hl. Franz von Assisi kein Eigentum. Ihre Klöster gehören in der Regel Bürger- oder Einwohnergemeinden, und ihren Lebensunterhalt erbetteln sie. Nach Hitzkirch kamen die franziskanischen Bettler jeweils im Dezember, nachdem sie auf Maria Empfängnis im Beichtstuhl und auf der Kanzel ausgeholfen hatten. Kirchenräte begleiteten sie auf ihrer Sammelreise; sie wurden dafür im Laufe des Winters zu einem Schneckenessen ins Kloster eingeladen. In andern Gemeinden verbanden sie das Sammeln mit Stall- und Brunnensegnung. Die Eschenbacher schenkten das «Anken»-Almosen; die Ankenkesseli wurden von einem Bauern mit Ross und Wagen aufs Wesemlin geführt.Jede Familie, auch die wenig begüterte, machte sich eine Ehre daraus, den bettelnden Pater zu empfangen; würde eine vergessen, wäre das eine bittere Kränkung. Im Gespräch legte die Mutter die eine oder, andere Sorge dem Gottesmann besonders ans Herz, die Kinder freuten sich über das geschenkte Bildchen ihres Namenspatrons, und im kleinen Hosentrompeter ist erstmals der Wunsch wach geworden, auch so ein brauner Kuttenmann zu werden. Heute verzichten die Kapuziner auf dieses Sammeln; sie werden vom Kirchmeier wenigstens teilweise für ihre wertvolle Arbeit entschädigt. Damit verschwindet allerdings der Kapuzinerpater allmählich aus dem Dorfbild des Tales.

Zum Beitrag über die Kapuziner im Seetal gehörte diese Liste aller Kapuziner aus dem Seetal. | © Seetaler Brattig 1982

Kirchengeschichtliches

Etwas Kirchengeschichtliches und Heimatkundliches zum Schluss. Die Kapuziner gingen zu Beginn des 16. Jahrhunderts aus dem Franziskanerorden hervor. 1581 wurde Altdorf gegründet; es war nicht nur das erste Kapuzinerkloster der Schweiz, sondern vom ganzen deutschsprachigen Europa. 1583 folgte das Wesemlin. Zur schweizerischen Kapuzinerprovinz gehörten bis 1688 Süddeutschland und Vorarlberg, bis 1729 auch das Elsass. So kommt es, dass Seetalerkapuziner auch in den elsässischen Klöstern Breisach, Ensisheim, Molsheim, Sulz und Thann wirkten und starben. Das obere Seetal wird von den Wesemlin-Patres betreut; in die Pfarreien Aesch, Hitzkirch und Schongau aber kommen Kapuziner aus Sursee (gegründet 1606). Warum diese auffallende Ausnahme? Das alte Amt Hitzkirch war Teil der Freien Ämter und gehörte darum zum Kreis des Freiämterklosters Bremgarten (gegr. 1617); das blieb so bis zur aargauischen Klosteraufhebung im Jahre 1841.

Im Seetal gibt es zwar kein Kapuzinerkloster; aber die Baldegger Klosterfrauen verehren den Heiligen von Assisi als ihren geistlichen Vater. Seit 1957 wirkt ein Kapuziner als Spiritual der Schwestern, ein anderer als Religionslehrer der Seminaristinnen. Von 1581 bis 1905 traten 530 Luzerner in den Kapuzinerorden, 60 davon stammten aus dem Einzugsgebiet der «Seetaler Brattig». Aus ihnen ragen vier besonders hervor:

  • P. Verekund Schwyzer aus Emmen (1808-1883) war vielgewünschter Prediger und Volksmissionär, begnadeter Beichtvater, Mitgründer des Frauenklosters auf dem Gubel im Kanton Zug.
  • P. Luzius Lang von Retschwil (1839-1905) war Lehrer am Kollegium Stans, Verfasser von Lehrbüchern für Physik, Deutsch und Ästhetik, Organisator der Töchterschule Maria Opferung in Zug.
  • Bischof Hilarin Felder, Ehrenbürger von Hämikon (1867-1951), Theologieprofessor und Leben Jesu-Forscher, kirchlicher Diplomat, Berater der Nuntiatur und Freund des Papstes.
  • Bischof Anastasius Hartmann von Altwis (1803-1866), Missionar und Kirchenfürst, der Heilige aus der Seetaler Heimat.
*Emil Achermann (1906–1983) wuchs in Hitzkirch geboren, wo er das Lehrerseminar besuchte, dessen Vizedirektor er später war. An der Universität Freiburg erwarb er das Sekundarlehrerpatent, 1937 wählte ihn die Luzerner Regierung als Geschichts-, Methodik- und Deutschlehrer ans Seminar in Hitzkirch, wo er bis zu seiner Pensionierung tätig war. Die Regierung verlieh Emil Achermann den Titel «Professor» und ernannte ihn zum Schulinspektor des Kreises Hitzkirch. Während acht Jahren war er auch Mitglied des Gemeinderates von Hitzkirch. Emil Achermann war auch schriftstellerisch tätig. Er verfasste Lehrbücher der Methodik, der Vor- und Frühgeschichte und der Geschichte des Altertums. Sein kulturgeschichtliches und volkskundliches Nachschlagewerk «Mein Tal» bezeichnete der Autor als Liebeserklärung eines alten Junggesellen an sein Tal.
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