Der damalige Honeri-Pfarrer Willy Nick, gut getroffen von Zeichner Ludwig Suter in der Brattig von 1996. | © 1996 Seetaler Brattig

Willy Nick, Hohenrain

Vor gut einem Jahr feierten die Schwingerfreunde Hohenrain ihr 20jähriges Bestehen. Ihr Pfarrer hielt ihnen bei dieser Gelegenheit eine Predigt, die den Schwingern so gut gefallen hat, dass sie den Brattigschreiber baten, er möchte diese doch in der nächsten Brattig abdrucken… und der Brattigschreiber kommt ihrem Wunsche gerne entgegen.

 

Liebe Schwinger
Die kurze Geschichte vom Kampf Jakobs mit Gott ist schon vor 3000 Jahren aufgeschrieben worden, aber sicher schon einige Jahrhunderte vorher erzählte sie eine Generation der folgenden: «Als Jakob allein zurückgeblieben war, rang mit ihm ein Mann, bis die Morgenröte aufstieg. Als der Mann sah, dass er Jakob nicht beikommen konnte, schlug er ihm aufs Hüftgelenk, so dass dieses sich ausrenkte» (Genesis 32,25f).

Wenn erfahrene Schwinger darauf hinweisen, dass dieser Kampf gar kein Ringen, sondern echtes Schwingen war – weil beide stehend und nicht liegend gekämpft haben – dürfen wir aus dieser Bibelstelle schliessen, dass Schwingen eine Tradition von über 3000 Jahren hat. Dies ist beachtlich und erwähnenswert. Je mehr ich mich mit Schwingen befasste, desto mehr wurde mir bewusst, dass es uns gleichnishaft gute Anregungen, Überlegungen für unser christliches Verhalten im Alltag geben kann:

 

Das Schwingen spielt sich in einem klar abgegrenzten Raum ab. Aussenstehende mögen dies als Einengung empfinden. Die Schwinger selber sind froh um diesen klar begrenzten Raum. Gerade dieses freiwillige Sich-Grenzen-Setzen ist heute in einer in vielen Belangen masslosen Zeit ein hilfreicher Hinweis für unser Planen und Handeln im Alltag. So wie der Kampfrichter die Schwinger immer wieder mahnt, in die Mitte zu gehen, ist es auch für uns gut, wenn wir in unserem Alltag immer wieder bewusst die Mitte suchen, um unsere Kraft für das Wesentliche einzusetzen.

 

Das beim Schwingen verwendete Sägemehl empfinde ich geradezu fürsorgend, fast zärtlich. Trotz Kampf wollt Ihr Schwinger zueinander Sorge tragen. Es soll keiner unsanft und schon gar nicht verletzt auf den Boden stürzen. Das Sägemehl ist aber auch ein Mittel zur Wahrheitsfindung. Der Kampfrichter kann dank klarer Druckstellen im Sägemehl eindeutig feststellen, wie fest die beiden Schultern wirklich auf den Boden drückten. Ihr Schwinger seid also Realisten, die nicht auf vage Ermessensgründe hin ein Urteil fällen. Gerade in einer Zeit, wo der Existenzkampf hart geworden ist, mahnt Ihr unsere Gesellschaft, füreinander Sorge zu tragen, miteinander wohlwollend umzugehen. Sympathisch berührt mich, dass bei Euch Schwingern auch der Verlierer mindestens acht Punkte bekommt. Diese Praxis erinnert mich an ein Wort, das der Prophet Isaia im Hinblick auf Jesus Christus gesagt hat: «Er wird das geknickte Rohr nicht ganz abbrechen und den glimmenden Docht nicht ganz auslöschen» (Is, 42.2). Viele Examinatoren und Experten auf allen Schulstufen könnten von Euch lernen.

 

Ihr Schwinger beginnt den Wettkampf mit einem kameradschaftlichen Händedruck und schaut einander dabei in die Augen. Dieser Blick sagt wohl mehr als viele Worte. Ihr spürt dabei Vertrauen, Wohlwollen trotz Kampfstimmung. Der Kampfrichter muss dann darauf achten, dass stets wenigstens einer der Schwinger den anderen greift. Ihr legt offenbar Wert darauf, dass nicht nur schön geredet, sondern auch Hand angelegt wird. Ausserdem pflegt Ihr das oft im Alltag so wichtige Durchhalten. Ihr kennt vielseitige Kampfarten: Hochsprung, Hüpfler, s’Wiiberh.ggli, Bärendruck, Gammen, Bodenschlungg und andere. Bei allen Arten ist Euch wichtig, dass keiner dem anderen die Arme oder Beine verdreht, keiner den anderen schlägt und schon gar nicht verletzt. Diese Regeln erinnerten mich an die sogenannte «Goldene Regel», die nicht nur die Bibel kennt, und die uns Jesus wie eine Art Kompass durch den Alltag angeraten hat: «Alles, was ihr also von andern erwartet, das tut auch ihnen. Darin sind alle Gebote und Vorschriften der Propheten enthalten.» Wenn ich aber höre, dass Gott Jakob beim Schwingen an der Hüfte verletzt hat, stellt sich mir die Frage: «Ist Gott kein fairer Schwinger…?»

 

Als Zeichen besonderer Fairnesse empfinde ich Eure Gepflogenheit, dass der Sieger den Besiegten vom Boden aufzieht und ihm das Sägemehl vom Rücken abstreift. Ihr nützt also den Sieg nicht offensichtlich aus und helft dem Verlierer, seine Niederlage zu ertragen. Da könnten Geistliche, hohe kirchliche Würdenträger und Politiker von Euch lernen. Wäre die Atmosphäre in der Kirche nicht viel freundlicher und fruchtbarer, wenn zum Beispiel Kardinal Ratzinger dem Professor Küng – bildlich gesprochen – das Sägemehl vom Rücken streifen würde, wobei noch zu klären wäre, ob wirklich Hans Küng das Sägemehl am Rücken hat…

 

Würde es unserem Staat nicht mehr nützen, wenn ein Bürgerlicher nach heftigen Debatten einem Sozialisten oder einer Grünen das Sägemehl vom Rücken streift und umgekehrt? Einige können es: ein Zeichen der Hoffnung! Es hätte sicher Vorteile, wenn alle Parteien für ihre Kandidaten vor der Wahl ein einjähriges Mitmachen in einem Schwingklub obligatorisch erklären würden. Dasselbe sollte auch für die künftigen Seelsorgerinnen und Seelsorger gelten. Sie könnten aus den dabei gemachten Erfahrungen nützliche Grundhaltungen für das Leiten einer Pfarrei, für ihre Arbeit in der Seelsorge lernen.

 

Als Nichtschwinger finde ich es sehr angenehm, dass die Kampfzeiten bei Euch recht kurz auf fünf, acht oder vielleicht 15 Minuten beschränkt sind. Das heisst doch, bei allem Ernst soll nicht übertrieben und die Zeit gut genutzt werden. Geradezu lieb finde ich, dass der Kampfrichter den schwitzenden Schwingern zurufen darf: «Es geht noch eine Minute!» Trösten wir einander im Alltag nicht oft auch mit den Worten: «Es geht ja nur noch einige Tage, einige Stunden.»

 

Auf einen oberflächlichen Blick von aussen hin könnte man meinen, Schwingen sei eine Rucherei, Kraftprotzerei. Das ist normalerweise sicher nicht der Fall. Dies zeigt uns schon die Tatsache, dass bei Euren Veranstaltungen meistens Jodlerinnen und Jodler, Alphornbläser und graziös-spielerische Fahnenschwinger auftreten. Mit Recht nennt ihr daher Eure Wettkämpfe Schwing«feste». Damit wehrt ihr unangenehmer Verbissenheit. Euer Zusammensein soll ein Fest werden und bleiben.

Sehr kooperativ finde ich die Tatsache, dass Ihr Schwinger in der Schweiz mit den Hornussern zusammen eine Verbandszeitung herausgebt. Wie vorbildlich und aktuell ist doch Euer Zusammengehen für alle Institutionen, die mit ihrer Finanzierung zu kämpfen haben. Die Devise «Nicht noch mehr die hohle Hand hinstrecken, sondern durch Zusammenarbeiten sparen» dürfte in den kommenden Jahren sehr hilfreich werden.

Das für diese Predigt notwendige Nachdenken hat mir gezeigt, wie viel Wichtiges Ihr Schwinger gleichnishaft für unsern Alltag bewusst machen könnt. Dennoch werde ich heute nicht aktiv an Eurem Schwingen teilnehmen. Ich kann Euch nicht zumuten, dass Ihr mich den ganzen Tag hindurch immer wieder auf die Beine hochziehen und mir x-mal das Sägemehl vom Rücken streifen müsst. Meine Gedanken kommen dennoch von Herzen. Auf jeden Fall wünsche ich Euch allen ein frohes Beisammensein – eben ein Schwingfest.

*Willy Nick (1932–2021) stammt aus Winikon und wurde 1960 zum Priester geweiht. Im Seetal war er gut daheim – von 1964 bis 1973 war er als Internatsleiter und Religionslehrer am Kantonalen Lehrerseminar in Hitzkirch, von 1973 bis 1998 als Pfarradministrator und Pfarrer in Hohenrain und als Religionslehrer am Seminar Hitzkirch. Bis zu seinem Wegzug nach Luzern als Chorherr des Kollegiatstiftes St. Leodegar Luzern ins war Willy Nick sozusagen der Brattig-Pfarrer, der mehr als nur das Tischgebet sprach am jährlichen Brattig-Abend.

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