Jugendliche erfrischen sich am Paulibrunnen auf dem Dorfplatz Hitzkirch. | © 2012 Seetaler Brattig/Ludwig Suter

*Walter Schmid, Hildisrieden

Die Zeiten vergehen. Wer kann sich heute noch an den tragischen Brandfall vom 1. März 1971 erinnern, als mitten im Dorf Hitzkirch, an der Kantonsstrasse Richtung Gelfingen, die alte Drogerie und «s’Paulihaus» niederbrannten?

Eine Tageszeitung berichtete damals: «Katastrophenbrand in Hitzkirch — Zwei Todesopfer in der alten Drogerie — Bruder wollte Schwester aus den Flammen retten — Beide kamen um. Am Nachmittag des 1. März um ca. 13.10 Uhr brach in einem über hundert Jahre alten Riegelbau Feuer aus, das den Tod von zwei Bewohnern forderte, die sich nicht mehr aus dem giftigen Qualm der schmorenden Inneneinrichtungen retten konnten. Helfer und Feuerwehr kamen zu spät.»

Josefine Schmid, die im Parterre des brennenden Gebäudes ein Mercerie- und Wollgeschäft führte, meldete telefonisch — so das Polizeiprotokoll — den plötzlichen Brandausbruch. Augenzeugen schilderten den Brand und die damit verbundene Tragödie wie folgt:

«Bruder Josef rannte sofort in die nahegelegene Metzgerei Bitzi und verlangte einen Schaumlöscher. Mit diesem bewaffnet eilte er zurück in sein brennendes Haus. Vor den lodernden Flammen aus dem Hauseingang schreckte er nicht zurück. Im Gegenteil: Er vernahm aus dem schon lichterloh brennenden Gebäude noch die Stimme seiner Schwester, worauf er sich in das rauchgeschwängerte Gebäude begab — und danach nicht mehr lebend gesehen wurde. Im dichten, giftangereicherten Rauch der Kunstfasertextilien erstarben auch die Hilfeschreie seiner Schwester.»

Der 69-jährige Josef Schmid-Beeler (im Dorf allseits geschätzter Briefträger) und seine 70-jährige Schwester Josefine konnten sich — im Gegensatz zu den übrigen Hausbewohnern — nicht mehr aus dem brennenden Haus retten. Beide fanden in den Flammen und im Rauchinferno den Tod. Ihre sterblichen Überreste wurden noch im Verlauf des Abends aus dem Brandschutt geborgen. Das Riegelhaus und die angrenzende alte Drogerie brannten praktisch auf die Grundmauern nieder. Mit grossem Einsatz und Geschick konnte die Feuerwehr ein Ausbreiten des Brandes auf die Nachbarhäuser verhindern.

Schuld war ein überhitzter Holzofen

Die nachfolgenden Untersuchungen zum Brandausbruch machten den überhitzten Holzofen im Merceriegeschäft für das Unglück verantwortlich. Ende Februar und Anfang März 1971 herrschte in unseren Gegenden eine grosse Kältewelle. Sie behinderte auch die Feuerwehr bei der Brandbekämpfung und sorgte für bizarre Eiszapfen, die an den folgenden Tagen die Brandruine zierten.

Die Brandkatastrophe in Hitzkirch war übrigens nicht der einzige grosse Brandfall im Frühjahr 1971: Am 5. Februar des gleichen Jahres brannte es auch im Bahnhof Luzern, ein Ereignis, das im ganzen Land für Schlagzeilen sorgte.

Der Wiederaufbau scheitert

Doch noch einmal zurück zum Brand in Hitzkirch. Die beiden Geschwister, die dabei den Tod fanden, waren in Hitzkirch unter den Namen «S’Pauli Finy» und «Pauli Seppi» bekannt. Sie wurden unter grosser Anteilnahme der bestürzten Dorfgemeinschaft zur letzten Ruhe begleitet. Ältere Hitzkircher und Hitzkircherinnen mögen sich noch daran erinnern, wie der legendäre Pauli-Seppi mit frohem Gruss und träfem Wort die Post in die Häuser brachte. Das traditionelle «Pauli-Finy-Lädeli» wurde im Dorf noch lange vermisst. Aber eben: Die verschiedenen kleinen Dorflädeli sind inzwischen gänzlich verschwunden.

Ein Wiederaufbau der abgebrannten Gebäude auf dem alten Dorf- und Marktplatz scheiterte an verschiedenen Schwierigkeiten. Ein paar Jahre nach dem Brand erstellte die Einwohnergemeinde auf dem geräumten Brandplatz einen öffentlichen Parkplatz. Beim hierhin versetzten Dorfbrunnen ist eine Gedenktafel angebracht worden. Auf ihr ist zu lesen:

Geschwister Schmid
Pauli Finy und Pauli Seppi
erlitten hier am 1. März 1971 in ihrem Haus den tragischen Feuertod
Gewidmet von den Nachkommen des Pauli-Seppi
Josef Schmid-Beeler, Hitzkirch
1986

Und so wurde aus dem Brand- und Parkplatz der «Pauliplatz». Dahinter steht folgende Geschichte: Früher hatten fast alle Familien zur besseren Erkennung einen Über- oder Zunamen. Die Schmid gehören mit den Bütler, Büchli, End, Kopp, Meyer, Müller, Moser, Thali und Scherer zu den alten Hitzkircher Korporationsgeschlechtern. Der Grossvater der beim Brand Verstorbenen, Gerichtsweibel Paul Schmid, gab der Familie den oben erwähnten Zunamen: s’Paulis, Josef Schmid war Briefbote bei der Post, und vier Nachfolgegenerationen blieben diesem Dienste treu. Die liebenswürdige «Pauli Finy» führte den bekannten «Krämerladen» für Wolle und Mercerie und hatte eine grosse Kundschaft aus dem Dorf und dem ganzen Tal. Obwohl die Zunamen heute fast in Vergessenheit geraten sind, hört man in Hitzkirch doch noch ab und zu die köstliche Bezeichnung «Paulis Seppis Seppis Sepp».

Zunamen und ihre Geschichte

Für die Benennung der anderen Stammfamilien Schmid und Moser im Dorf lauteten die Zunamen u.a.: s’Gustis, s’Neuggis, s’Joosseppe und s’Chlaueputzers, de Gänggi-Seppi, de Gänggi-Arti bzw. s’Eduards. Aus diesen Namensgebungen spricht die Stimme unserer Grossväter und Urahnen! Schön, wenn sie noch ein paar Generationen erhalten blieben…

Die Gedenktafel auf dem «Pauli-Parkplatz» macht ein tragisches Ereignis aus der Ortgeschichte unvergesslich, und der an diesen Standort versetzte Dorfbrunnen (nun Pauli-Brunnen genannt) kommt hier auch viel besser zur Geltung als am alten Platz.

Auch Dorfbrunnen haben eine Geschichte. Früher labte das köstliche Quellwasser nicht nur die Dorfbevölkerung, auch das Vieh wurde oft hierher geführt.

*Dieter Ruckstuhl-Bättig (geboren 1961) studierte Sekundarlehrer phil. I in Zürich und Montpellier und Geschichte in Bern. Seit 1995 wirkt er als Konservator, heute als Geschäftsführer und Kurator von Schloss Heidegg, wo er mit seiner Familie lebt. Er ist aktiv in historischen und touristischen Vereinen und leitet seit 2014 das Pfarreiarchiv Hitzkirch.

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