Die Hofderer Fahne am Bundeshaus: Illustration von Ludwig Suter zu Hanspeter Ineichens Beitrag in der «Seetaler Brattig» 2017. | © 2017 Seetaler Brattig

*Hans Peter Ineichen, Luzern

Die HOCHDORF Holding AG oder wie die Firma bis 2000 hiess, die Schweizerische Milch-Gesellschaft AG (SMG) – im Volksmund immer noch die «Südi» –, ist ein mittelgrosses schweizerisches Unternehmen der Nahrungsmittel-Industrie. Gegründet 1895, ist sie das älteste und nach wie vor selbständige milchverarbeitende Unternehmen des Kantons Luzern.

Verwaltungsratsmandate sind immer auch eine Prestige-Angelegenheit. Neben fachlichen Kompetenzen spielen gesellschaftliche, politische und familiäre Verflechtungen vielfach eine nicht zu unterschätzende Rolle für die Wahl eines Verwaltungsrates.

Nach schweizerischem Recht ist der Verwaltungsrat das oberste Exekutivorgan einer Aktiengesellschaft. Der Verwaltungsrat ist für die Geschäftsführung verantwortlich gegenüber der Generalversammlung (der Aktionäre, also der Geldgeber) und letztlich, in moralischen Sinne, auch der Öffentlichkeit.

Dass gleich zwei ehemalige HOCHDORF-Verwaltungsräte direkt in den Bundesrat gewählt wurden, ist schon aussergewöhnlich. Es sind dies Josef Schobinger im Jahre 1908 und Kaspar Villiger im Jahre 1989. Diese beiden Persönlichkeiten wollen wir hier kurz vorstellen. Dazwischen liegen nicht nur 80 Jahre, sondern auch gewaltige Veränderungen in Kultur und Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

Josef Schobinger: Zeit des Aufbaus

Die Welt von Josef Schobinger könnte sich von derjenigen von Kaspar Villiger sowohl politisch, gesellschaftlich, wirtschaftlich nicht deutlicher unterscheiden. Zwischen diesen beiden Herren wurden zwei Weltkriege geschlagen, die Welt erlebte einschneidende Wirtschaftskrisen, die gesellschaftlichen Spielregeln und Gewohnheiten des 19. Jahrhundert wurden auf den Kopf gestellt, die technischen Veränderungen überstiegen die Vorstellungskraft der Menschen um 1900.

Als Josef Schobinger das Verwaltungsratsmandat bei HOCHDORF antrat, befand sich das Hochdorfer Milchwerk, nach einem eher harzigen Beginn 1895, in einer ersten erfolgreichen Auf- und Ausbauphase. Seit 1900 leitete ein neuer, dynamischer Geschäftsführer, Georges Barrelet, das Unternehmen. Ihm gelang ein markanter Ausbau des England- und Übersee-Geschäftes.

Die 1905 erfolgte Gründung der Schokoladefabrik «Lucerna» in Hochdorf veränderte das Hochdorfer Milchunternehmen grundlegend. Um den grossen Bedarf an Milchpulver abzudecken, investierte die «Lucerna» in die Milchgesellschaft. Die Beschaffung von Anlagen für die Milch-Kondensierung und die Walzentrocknung wollten aber finanziert werden. Die «Lucerna» engagierte sich, verlangte aber als Kompensation unter anderem zwei Verwaltungsratssitze. Einen davon übernahm kein Geringerer als der «Lucerna»-Verwaltungsratspräsident und Nationalrat Josef Schobinger.

Hinter der Gründung der Schokoladefabrik «Lucerna»  standen finanzstarke Kreise aus Bern und Zürich. Als Standort setzte sich Hochdorf durch, unter anderem dank der Hochdorfer Milch-Gesellschaft. Unbescheiden wie die «Lucerna»-Gründer waren, wählten sie prominente Luzerner Politiker in den Verwaltungsrat. Das Amt eines Luzerner Regierungsrates war damals noch kein Vollpensum, und so mussten sich die Regierungsräte nach einem Zusatzeinkommen umsehen.

Josef Anton Schobinger, geboren 1849, wurde 1874, mit 24 Jahren, als Mitglied der katholisch-konservativen Fraktion (heute CVP) in die Luzerner Regierung gewählt. Als Architekt und ETH-Absolvent übernahm er das Baudepartement. Er forcierte unter anderem den Bau der Bahn durch das Entlebuch nach Bern (Eröffnung 1875) und der Seethal-Bahn (Eröffnung 1883). Bis 1902 war er Verwaltungsrat der Schweizerischen Bundesbahnen. Als Milizoffizier stieg er bis zum Oberst der Artillerie auf.

1888 wählten die Luzerner Bürger Josef Schobinger in den Nationalrat, den er 1904 präsidierte. Ohne Zweifel war er politisch und gesellschaftlich auch auf nationaler Ebene gut vernetzt.

Josef Schobinger wurde am 14. August 1905 in den HOCHDORF-Verwaltungsrat gewählt.. In seine relativ kurze Amtszeit fielen wichtige Entscheidungen: Aufnahme der Walzentrocknungs-Technologie und die Herstellung von Bébé-Nahrung. Beide Produktlinien gehören noch heute zu den wichtigsten Produkt-Angeboten von HOCHDORF.

Am 17. Juni 1908 erfolgte seine Wahl in den Bundesrat. Dort konnte Josef Schobinger keine markanten Spuren hinterlassen. Nach jährlichem Departementswechsel starb er am 27. November 1911 im Amt.

Kaspar Villiger: der erfahrene Unternehmer

Die Karriere von Kaspar Villiger(geboren 1941) zeigt überraschend viele Gemeinsamkeiten mit Josef Schobinger auf: Beide waren ETH-Absolventen, Kaspar Villiger im Maschinenbau, beide Herren übernahmen bereits in jungen Jahren eine grosse Verantwortung: Schobinger als Regierungsrat, Villiger als 25-Jähriger die Leitung der Zigarrenfabriken Villiger AG in Pfeffikon, beide engagierten sich in der Politik, waren Nationalräte (Villiger zudem noch Ständerat) und eben… beide Herren waren Verwaltungsräte der Schweiz. Milch-Gesellschaft AG, Hochdorf.

Kaspar Villiger ist ein überzeugter Liberaler und vertrat stets mit grossem Engagement eine offene, liberale Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik. In der Jubiläumsansprache an der 100-Jahr-Feier der SMG Hochdorf 1995 betonte er unter anderem den werteschaffenden Kern unserer Gesellschaft und die Bedeutung des Mittelstandes und dass wir allen Grund hätten, den Mittelstand ernster zu nehmen, statt ihn bloss zur Kasse zu bitten und ihn ansonsten als Fussnote der Geschichte rechts liegen zu lassen.

1977 wählte die Generalversammlung Kaspar Villiger in den Verwaltungsrat der Schweiz. Milch-Gesellschaft AG, dem er bis zur Wahl am 1. Februar 1989 in den Bundesrat angehörte. Seine Kompetenz als Unternehmer konnte er auch in der Nahrungsmittel-Industrie einsetzen, sie war gefragt. Sein Urteil und seine Vorschläge trugen wesentlich zur Entwicklung der Firma bei.

Kaspar Villigers politische Karriere hatte 1972 mit der Wahl in den Grosse Rat (heute Kantonsrat) des Kantons Luzern begonnen. 1982 folgte die Wahl in den Nationalrat, 1987 in den Ständerat.

Stand für Josef Schobinger die HOCHDORFer Verwaltungsratszeit am Ende der Karriere, gehörte sie für Kaspar Villiger zur frühen Phase. Als Bundesrat, 1989 bis 2003, übernahm er zuerst das Militärdepartement, 1996 das Finanzdepartement. 1995 und 2002 war er Bundespräsident. Seine Kompetenz als Finanzpolitiker wurde im In- und Ausland hoch geachtet und anerkannt. Er war zudem absolut integer. Nestlé, Swiss Re und die NZZ holten ihn nach dem Rücktritt vom Bundesrat in ihre Verwaltungsräte. Von 2009 bis 2012, in einer heiklen und schwierigen Phase, präsidierte er die UBS.

Kaspar Villiger brachte seine Gedanken und seine lange Erfahrung in zahlreichen Publikationen, Büchern und Beiträgen ein (siehe Wikipedia). Sie sind eine reiche Quelle von Erkenntnissen und freiheitlichem, liberalen Gedankengut.

Es ist wohl einmalig, dass eine Firma gleich zwei Verwaltungsratsmitglieder aufzählen darf, die direkt in den Bundesrat gewählt wurden. Die HOCHDORF Holding AG ist entsprechend stolz darauf.

Quellen:

  • Firmenarchiv HOCHDORF Holding AG
  • Wikipedia
  • «Die Schweizer Bundesräte», Urs Altermatt, Zürich, 1991

*Dieter Ruckstuhl-Bättig (geboren 1961) studierte Sekundarlehrer phil. I in Zürich und Montpellier und Geschichte in Bern. Seit 1995 wirkt er als Konservator, heute als Geschäftsführer und Kurator von Schloss Heidegg, wo er mit seiner Familie lebt. Er ist aktiv in historischen und touristischen Vereinen und leitet seit 2014 das Pfarreiarchiv Hitzkirch.

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