«Cheeriwäägu» Franz Wey, gezeichnet von Paul «Nussbi» Nussbaumer für die Brattig 1988. Franz Wey ging bis kurz vor seinem Tod auf die «Cheeri». | @ 1988 Seetaler Brattig

*Franz Wey, Hochdorf

Nein, ein Beruf ist das eigentlich nicht, aber es war doch damals immerhin eine tagesausfüllende Tätigkeit. Ein Pferd musste man leiten können, oder später sogar ein Auto zu fahren verstehen, Kopfrechnen war Bedingung, freundlich und möglichst pünktlich sein gehörte zum guten «Wäägu». Und wenn er dann noch ein bisschen Humor hatte und immer etwas Neues zu erzählen wusste, dann war er überall gern gesehen, zumal er eine Dienstleistung erbrachte, die in keiner Kalkulation einberechnet war.

Die Hausfrauen hatten damals noch nicht so viel Zeit und Möglichkeiten zum Einkaufen, und von den entlegenen Bauernhöfen kam man nicht so «sträng» ins Dorf. So täglich ein frisches, duftendes Brot auf den Küchentisch geliefert zu bekommen, war dann doch ein Dienst, der von den Kunden sehr geschätzt wurde.

Zückerli vom «Fröili»

Ich wurde schon zu meiner Schulzeit gründlich in diesen Beruf «eingearbeitet», wie man heute sagen würde. «Schulthek» ab, Hutte an den Rücken, Velo unter «s’Füdli» und los. Auf den noch steinigen, holprigen Strassen nach Hitzkirch zu Kollers, damit die Seminaristen zu Crèmeschnitten und Nussgipfeln kamen, «i Rain ue», wo es ebenfalls eine Ablage gab, «of Geerlige» zur Frau Luthiger, die nebst dem Brot auch noch «Chrömli» verkaufte, und dann nach «Appu» in den Spezereiladen, wo es nun wirklich nach allem roch, was in diesem Allerweltsladen zu kaufen war. Dieser so typische, gar nicht etwa unangenehme Geruch kommt mir – ich bilde es mir wenigstens ein – noch heute in die Nase, wenn ich nur schon dieses Haus sehe, in dem zwar schon längst kein Laden mehr geführt wird. Ein älteres, sehr liebes «Fröili» steckte mir dann etwa ein paar Zückerli oder einen Apfel zu, und ich bin ihr heute noch dankbar dafür.

Später, in der Lehre, wurde ich nach der Arbeit in der Backstube, die jeweils um zwei Uhr in der Nacht begann, so um sechs Uhr zum «Wäägu» umfunktioniert, dies allerdings nur am Samstag. Der Chauffeur stellte den Ford vor die Backstube, und dann luden wir die Vierpfünder (oder die Ganzen, wie man ihnen auch sagte) auf das hinterste Gestell, die Halbbrötli (Kilo) in die Mitte, und zuvorderst schichteten wir die vom Egli-Dick so ungeliebten «Viertali» auf. Unbeliebt deshalb, weil es eben viel mehr Arbeit gab, aus einem Teig soviele Viertali zu formen, als wenn man hätte Vierpfünder machen können. Aber die Konsumgewohnheiten hatten sich da halt zu ändern begonnen. Die Familien wurden kleiner, eine Vielzahl neuer Nahrungsmittel verdrängten das Brot. Zum Zmorge gab es nun Mutschli und Weggli, Heliomalt in die Milch, und wer hungrig von der Schule heimkam, gewöhnte sich anstelle eines «Mocke Brot» schnell und gerne an Schokolade oder Guetzli. Der «Wäägu» trug geduldig Viertali die Treppen der Wohnhäuser hinauf, und die währschaften Vierpfünder landeten erst am Nachmittag auf der sogenannten «Puure-Cheeri» im Schrank, im «Gänterli» oder in der «Brot-Trocke» eines Bauernhauses.

Angenehme und weniger angenehme Kunden

Es gab, und das wird ewig so bleiben, «gäbigi» und «öbuziitigi» Kunden. Solche, bei denen man wegen zwei Weggli oder weil der Eierzopf zu dunkel gebacken war, nochmals die Treppe hinunterrennen musste, und auch solche, die zuerst in den Korb schauten und dann das verlangten, was man nicht mitgenommen hatte; solche, die Geld oder Büchlein schon bereit hielten, wenn man kam, und die andern, die nie wussten, wo sie den Geldsäckel «hin g’hüeneret» hatten. «Jetz hanne ’ne doch erst no i de Hände g‘haa…» Dann gab es noch die Auswahl zwischen heller und dunkler gebackenem Brot, zwischen mehr «Rauft» oder mehr «Weichs», wie auch zwischen den verschiedenen Brotformen, und der «Wäägu» kannte bald einmal die Wünsche seiner difficilen Kundschaft, wie der General von Pappenheim «seine Pappenheimer» gekannt hatte.

Auch Autofahren lernte man in der Cheeri besser als auf jedem Übungsparcours, besonders im Winter. Unter dem «Iifahr» durch, um den Miststock herum, ein steiles Strässchen hinauf, wenn möglich «hendezi», weil man vor dem Haus nicht wenden konnte, zwischen «Pöörtli» und Gartenhag durch, um den Nussbaum herum, oder stand gar eine Linde dort..? So geht eine ganze Nachmittags-Tour bildlich durch meinen Kopf. Jetzt kommt mir gerade noch der Ratschlag meines Vaters in den Sinn, den er mir gab, als ich zum ersten Mal ans Steuer durfte: «S‘Auto immer eso änestöue, dass d’vörsi chasch abfahre, emu de ganz sicher bemene Wertshuus zue.» Ich habe mich daran gehalten, und bin gut damit «gefahren».

No es Moscht

«Chomm no g’schnöu chon nes Moscht nää!» Eine gar nicht ungern gehörte Aufforderung, besonders an heissen Sommertagen. Dieses «Moscht» war damals noch Eigengewächs, wurde direkt vom Fass – in bauchiger Flasche – in die Küche getragen, kühl war es, und das Glas wurde randvoll eingefüllt. «S‘reut mi de öppe need!» Nur die Qualität war doch ein bisschen unterschiedlich. Es gab «Möschter», die waren besser als mancher Weisswein, der im Wirtshaus ausgeschenkt wurde, und es gab die andern, die schal und sauer waren oder sogar «läng». Da blieb nur die Möglichkeit, auf den Augenblick zu warten, bis die Bäuerin hinausging, um ihn dann mit einem eleganten Schwung in den nächsten «Meienstock» zu leeren.

«Wart no e chli, ech ha grad es Kafi öbertoo. S‘isch au gar oschnetzig, nimm doch g’schnöu es Bitters (Aagmachets), das wärmt! Wotsch au es Chachall vou Möuchkafi, mer nänd grad Zobig!» Diesen freundlichen Aufforderungen nicht Folge zu leisten, wäre fast eine Beleidigung gewesen. Nur, hinter der Aufforderung, zu verweilen, steckte oft auch der Gwunder. Es gab noch kein Fernsehen, man kam kaum von zu Hause fort, wurde mit Neuigkeiten nicht überschwemmt wie heute. Zeitung lesen, das war nur für die «Gelehrteren», aber so ein «Cheeriwäägu», der überall herumkam, der musste doch etwas zu erzählen wissen. Und das tat er ja auch, liebenswürdig, möglichst wahrheitsgetreu und nett. Aber wenns «de as Uusfröögle good», sagte mein Vater, «de muesch ofem Muul hocke». Man weiss ja nie, in welcher Form dann solche Erzählungen weitergetragen würden. «Und wenn si nochsüechig wärdid, de darfsch si bürschtesdeck aalüüge, si merkid de scho, dass d’e kei Schwafli besch!»

Zwei- und Einräppler

So allmählich gegen den späteren Nachmittag leerte sich das Auto immer mehr. Möglichst wenig Brot heimbringen, war das Ziel. Wenn dann kaum noch etwas auszupacken war und nur die «Brosmen» zusammengewischt werden mussten, dann war der «Wäägu» glücklich. Das Berufsabzeichen oder Signet des «Wäägus» war seine grosse, solid in Leder gearbeitete Geldtasche mit dem goldig glänzenden Messingbeschlag, die an einem währschaften Lederriemen über seine Schulter hing. Der Inhalt des «Cheerigäudsäckus» bestand aus wenig Silbergeld, einigem Nickel und sehr viel Zwei- und Einräpplern. Ein aufwendiges Geldzählen am Abend, bis man so seine 30 bis 40 Franken beisammen hatte.

Viele Kunden liessen ihre Schulden ins Büchlein schreiben, und wenn dann nach Monaten noch kein Geld kam, so nahm man halt Eier an dessen Stelle, oder etwa eine Harasse Äpfel oder Rhabarbern für den Kuchen, Erdäpfel oder ein Fuder «Stuudeböördali». «Chasch met choo, mer gönd zum Tönu ufe, cha ned zaale, hed e Huuffe Chend und ke Gäud, si cha ned zum Züüg luege. Vielleicht chömmer öppis iituusche.»

Das waren so meine ersten Erfahrungen mit «G’schäfte». Und einiges an Lebensweisheit ist da auch aufgedämmert, man brauchte bloss Augen und Ohren offenzuhalten und am Abend im «Hirni» das zu verarbeiten, was der «Wäägu» den Tag hindurch so alles erlebt hatte.

*Franz Wey (1922–1991) war der letzte Wey-Bäcker im langen, gleichnamigen Familienunternehmen in Hochdorf, das auf 1893 zurückgeht. Franz Wey hatte den Betrieb am Kirchplatz von seinem gleichnamigen Vater nach dessen Tod 1945 übernommen. Zwei Jahre später bestand der die Meisterprüfung. Ab 1983 veröffentlichte Franz Wey, der Kultur seit jeher zugetan, im ,Seetaler Bote» eine lange Reihe «Feuilletons», wie er seine Beobachtungen und Bemerkungen betitelte, und unterschrieb selbige bescheiden mit «Der Schreiber». Zwei Bändchen davon bleiben als Erinnerung zurück. Franz Wey war verheiratet mit Louise Wey Sommerhalder (1926–2023). Die Bäckerei Wey ging 1983 an Josef und Marlis Koch über.

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